Werbung

Für immer Sowjetunion

zirkus europa

  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Ausflug in die offizielle Fanzone von St. Petersburg: Ukraine-Niederlande. Wie steht’s um die Völkerfreundschaft bei dieser EM? Wie gerieren sich die russischen Zuschauer beim ersten Spiel der ehemaligen Unions-Brüder? Los gehen soll es um 22 Uhr - wegen der Zeitverschiebung ist die EM in Russland ein nächtliches Vergnügen, noch viel mehr in den östlicher gelegenen Regionen.

Die offizielle Fanzone liegt am Konjuschennaja-Platz, unweit der Auferstehungskirche mit ihren bunten Zwiebeltürmen. An diesem Abend ist sie zu einem Drittel gefüllt. Vielleicht 1500 Menschen hier, erstaunlich viele junge Frauen sind darunter. Über den Platz wabert eine Duftwolke aus süßlich-schwerem Parfüm und Bier.

Es ist wenig los. An Werbeständen des EM-Sponsors VW stehen die Leute Schlange, um sich im Sprung fotografieren zu lassen. Auf dem Foto sieht es dann aus, als würden sie einen Kopfball vollführen. Der Moderator auf der Bühne versucht, die Stimmung anzuheizen. Ab und an wird brav geklatscht.

Anpfiff in Amsterdam: Spätestens seit 2014 ist das russisch-ukrainische Verhältnis wegen Ostukraine und Krim schwer gestört. Wie verhalten sich die Zuschauer hier in Petersburg?

Besonders in Feierlaune sind sie an diesem Sonntagabend jedenfalls nicht. Zögerlich bestellen sie an den Ständen das für hiesige Verhältnisse teure Heineken-Bier für 300 Rubel (3,50 Euro). Vorne vor dem Riesenbildschirm steht einer in Shorts und Russland-Trikot, die raspelkurzen Haare mit einer schneeweißen Schapka-Fellmütze bedeckt. Unentwegt reckt er den Arm nach oben, in seiner Hand flattert eine weiß-blau-rote Trikolore: »Rossija!«, ruft er, wann immer den Niederländern etwas gelingt - also oft.

Teilen hier alle seine Stimmung? Fast hat man diesen Eindruck, als schließlich die Tore für die Oranjes fallen: 1:0 für die Niederlande! Der Schapkamann rennt brüllend mit dem ausgestreckten Fähnchen durch die applaudierenden Leute. Einige lachen.

2:0! Towarisch Schapka rastet aus: »Rossija!«, schreit er und wirft sich so theatralisch auf den Boden, dass drei Milizionäre kommen und seine Personalien aufnehmen. Er schüttelt den Kopf, als sie weggehen.

Dann aber: 2:1 für die Ukraine! Der Torschrei der Massen ist so gewaltig, dass der Mann mit der Mütze kurz zusammenzuckt. Die Petersburger Fans, an diesem Abend sind das wohl ausnahmslos Russen, feiern die ukrainischen Fußballer. Als kurz darauf das 2:2 fällt, vergeht dem Schapkafan kurz das Lachen: Hier hält tatsächlich die Mehrheit zur Ukraine, darf das sein?

Als Holland das 3:2 gelingt, ist der Anti-Fan wieder obenauf: »Rossijaaa!« klopft er sich auf die Brust. Abpfiff: Der Mützenmann tanzt fahnenschwenkend. Holland hat gewonnen. Doch die Völkerfreundschaft hat heute Abend auch einen Sieg davongetragen.

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.