»Australien platzt vor Stolz«

Tennisspielerin Ashleigh Barty gewinnt Wimbledon - und würdigt im Moment des Sieges ihr großes Vorbild

  • Igor Gedilaghine und Tobias Schwyter, London
  • Lesedauer: 3 Min.

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Schon von Kindesbeinen an hatte sich Ashleigh Barty diese Momente im Kopf ausgemalt. Die Dimension ihres Wimbledontriumphs überwältigte sie dann doch. Da jubelten tatsächlich ihr, dem Mädchen aus Queensland mit dem großen Traum, auf einmal Prinz William, Herzogin Kate und Hollywoodstar Tom Cruise zu. Und daheim in Australien waren mitten in der Nacht Sportlegenden wie Rod Laver oder Cathy Freeman völlig aus dem Häuschen. »Das ist besser, als ich es mir jemals vorgestellt habe«, sagte Barty - und war in Gedanken ganz woanders.

Denn für die 25-Jährige war viel bedeutender, dass ihr großes Vorbild Evonne Goolagong Cawley an gleicher Stelle vor einem halben Jahrhundert einen historischen Sieg gefeiert hatte. »Ich hoffe, ich habe Evonne stolz gemacht«, sagte Barty bei der Siegerehrung nach dem 6:3, 6:7 (4:7), 6:3 gegen die Tschechin Karolina Pliskova und brach in Tränen aus. Schließlich habe die australische Tennisheldin, die 1971 als erste Nachfahrin der Aborigines in Wimbledon gewann, ihr erst den Weg geebnet.

Priorität: Ein guter Mensch sein

»Sie war einfach eine Ikone über Jahre hinweg, nicht nur auf dem Tennisplatz. Ihr Vermächtnis abseits des Platzes ist unglaublich«, sagte Barty, die ebenfalls indigene Wurzeln hat und mit ihrem Outfit an Goolagong Cawleys Premiere vor 50 Jahren erinnerte: »Wenn ich nur zur Hälfte sein könnte wie Evonne, wäre ich ein sehr, sehr glücklicher Mensch.« Und die rührende Antwort ihrer 69 Jahre alten Vorgängerin ließ nicht lange auf sich warten.

»Ash ist für mich wie eine kleine Schwester und ein Teil meiner Familie«, sagte die siebenmalige Grand-Slam-Gewinnerin Goolagong Cawley, und 1980 die letzte australische Wimbledonsiegerin: »Ich bin einfach sehr stolz auf Ash und die Art und Weise, wie sie sich nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb des Platzes verhält.« Barty unterstützt die Goolagong Cawleys Stiftung, die sich für Mädchen aus Aborigine-Familien einsetzt. Und wegen ihrer bodenständigen und bescheidenen Art wird die Weltranglistenerste und French-Open-Siegerin von 2019 nicht nur in Down Under verehrt. Barty unterstrich dies auch am Samstag im Moment ihres größten sportlichen Triumphs. »Es ist für mich wichtiger, ein guter Mensch zu sein als eine gute Tennisspielerin«, sagte sie. »Ein guter Mensch zu sein, hat für mich jeden einzelnen Tag absolute Priorität.«

In der Heimat lieben sie ihre »Ash«, weil sie einfach so ist, wie sie ist. »Australien platzt vor Stolz«, twitterte Premierminister Scott Morrison, Tennislegende Rod Laver war »so glücklich, dass deine Träume wahr wurden«. Und auch Cathy Freeman, 2000 in Sydney Olympiasiegerin über 400 Meter und ebenfalls mit indigenen Wurzeln, war einfach nur »mächtig stolz auf unser Mädchen«.

Auszeiten: Cricket, Golf und Bier

Barty ist eben eine ganz besondere Tennisspielerin, Starallüren gibt es bei ihr nicht. Zu Beginn der Corona-Pandemie legte sie den Tennisschläger zur Seite, gewann daheim eine Amateurmeisterschaft im Golf und feuerte mit Bier in der Hand ihr Lieblingsteam im Australian Football an. Bereits 2014 hatte sie vom Tennis pausiert, überfordert von den vielen Reisen und der Einsamkeit auf Tour, und lieber in der heimischen Cricket-Profiliga gespielt. Diese erste Auszeit war extrem wichtig, erzählte Barty einst, um den Spaß am Sport wieder zu finden. Die Erfüllung ihres Kindheitstraums ist nun die Belohnung für ihre außergewöhnliche Reise.SID/nd

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