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- Filmessay »Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte«
Libuše Jarcovjáková: Sich abziehbar machen
Der tschechischen Fotografin Libuše Jarcovjáková wurde mit »Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte« ein intensiver Filmessay gewidmet
Die Wellen der Moldau, der Rücken eines Passanten im Mantel im Schnee, Fußspuren im Matsch, Gitter und Betonmauerwerk, eine Hand, die aus dem Dunkel zwischen zwei Vorhängen blicklos hervorlugt – mit diesen Schwarz-Weiß-Fotos beginnt der Film »Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte« (Ještě nejsem, kým chci být). Wir sehen Bilder und hören die Stimme von Libuše Jarcovjáková, die aus ihren Tagebuchaufzeichnungen vorliest. Die tschechische Fotografin wurde 2019, im Alter von 67 Jahren, weltberühmt, als ihr das renommierte französische Fotokunst-Festival Rencontres d’Arles eine Retrospektive widmete.
Klará Tasovskás Filmessay läuft international unter dem Titel »I am not Everything I want to be«. Eine interessante Wahl, suggeriert diese Übersetzung doch eine Persönlichkeits-, Menschen-, Szenensammelwut und eine Unabgeschlossenheit der Identität. Die Dokumentation zeigt jedenfalls die vielen Jahre vor diesem späten Erfolg.
Jarcovjáková kommt in Prag zur Welt, beide Eltern sind Maler, aber nur Papa darf Kunst machen, Mutter muss den Haushalt schmeißen. Sie fotografiert Roma-Bälle, das passt den Eltern nicht, für Jarcovjáková wäre aber jede Form von Klassendünkel und Diskriminierung berufsverhindernd. Da sie nicht von proletarischer Abkunft ist, erhält sie, deren Berufswunsch Fotografin schon als Jugendliche feststeht, keinen Platz an der Kunsthochschule. Stattdessen sucht sie Arbeit in einer Druckerei, wo ihr eine erste Fotoserie gelingt: Arbeiter ausgelassen beim Feiern und Saufen, melancholisch an Maschinen. Schnappschüsse, die lebendige Menschen zeigen, die in ihrer Arbeit nicht aufgehen: Papierstau und Schnaps statt heroischer Aufopferung für die Tschechoslowakei – kurz nach dem Prager Frühling. Jarcovjáková zeigt ihre Bilder der Drehbuchautorin Ester Krumbachová, die ihr Talent bestätigt.
Das interessiert den tschechoslowakischen Geheimdienst, ihm fallen ihre Fotos in die Hände. Der Vorwurf lautet, sie würde die Arbeiterklasse verunglimpfen, könne das aber wiedergutmachen durch die Kunst des Spitzelns. Jarcovjáková lehnt ab, wird depressiv, frisst gegen den Frust. Sie heiratet einen witzigen Kerl, der ihr schon ganz gut gefällt, aber nicht einsieht, dass mancher mehr vom Leben will als Feierabendbier und -sex. Selbstporträts entstehen, die ihr Gesicht ablichten, vielleicht, um die Trauer und die Wut irgendwie abziehbar zu machen.
Eine Freundin von Jarcovjáková ist mit einem Japaner verheiratet, sie darf sie Tausende Kilometer entfernt von Prag besuchen. Der Gatte, Katsu, ist in einer hohen Position bei einer wichtigen Modefirma und erkennt ihre Gabe. Sie fotografiert auch in Farbe, ihre Bilder haben einen forschenden Blick auf das fremde Land, ihre Kompositionen werden genauer. Aber sie bleibt länger als sie dürfte, zurück in der ČSSR wird ihr Pass eingezogen, die Ehe ist kaputt, der Vater glaubt weiterhin nicht an ihre Fotografie, wohingegen Katsu ihr bestätigt, das Reale abzubilden.
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Jarcovjáková wird Tschechischlehrerin für vietnamesische Vertragsarbeiter: ausgenutzte Außenseiter, die als stolze Automobileigentümer porträtiert, was schlicht gelogen ist, aber die Männer für die Zeit der Aufnahme jemand anders werden lässt. Bei dieser Arbeit lernt sie Zdeněk kennen, ebenfalls Lehrer, er gesteht ihr, schwul zu sein, was der Staat zwar offiziell entkriminalisiert hat, aber trotzdem sind Schwule und Lesben nicht vor brutaler Drangsalierung, etwa durch die Polizei, geschützt.
Nun wird Jarcovjáková zur Chronistin der queeren Szene Prags der frühen 80er Jahre. Sie entdeckt im Exzess, in der Solidarität an den Rändern eine ungekannte Schönheit und Freiheit. Zum ersten Mal verliebt sie sich in eine Frau. Als ein Mord in der Nähe eines beliebten Clubs geschieht, der im Film nicht aufgeklärt wird, beschlagnahmt die Polizei ihre Bilder, was alle, die darauf zu sehen sind, in Gefahr bringt.
Ein schwuler Freund vermittelt ihre einen Schein-Ehemann, sodass sie nach West-Berlin ausreisen kann, wo sie fotografiert und Kinos sauber macht. Aber der Westen, das kapitalistische System gefallen ihr nicht, sie versteht ihn und seine Leute nicht, was sie antreibt, wie berechnend sie sind, was sie überhaupt wollen. Ihr Unglück gipfelt in dem Verrat ihrer Freundin Kerstin, die sie benutzen will, um Koks von Amsterdam nach Berlin zu schmuggeln.
Dass »Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte« phasenweise so spannend ist wie ein Spielfilm, liegt nicht nur an der Lebensführung der Protagonistin, sondern an den Tausenden Negativen, die verwendet werden, dem Schnitt-Rhythmus, dem sehr zurückhaltenden Einsatz von Überblendungen, Musik, sodass Atmosphären erzeugt werden, die eine Nähe und Dringlichkeit vermitteln, die keine Dia-Show erreicht.
Libuše Jarcovjáková reicht es erst mal mit Berlin, sie geht wieder nach Japan – und hat dort Erfolg. Katsu hilft ihr, eine gefragte Modefotografin zu werden. Aber die inszenierte Fotografie, die Unfreiheit der Branche, das macht ihr zu schaffen. Sie rettet sich als Künstlerin und lässt diesen Erfolg, dieses Geld hinter sich. Nach dem Mauerfall kehrt sie nach Prag zurück, findet ihre große Liebe Magda und bleibt sich treu im Wandel. Der Film »Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte« setzt ihr kein schnödes Fan-Denkmal, sondern ist ein intensiver, hervorragend komponierter Essay, der dazu motiviert, sich beim Sehen nichts vorschreiben zu lassen.
»Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte«: Tschechien/Slowakei/Österreich 2024. Regie: Klará Tasková. Buch: Klára Tasovská und Alexander Kashcheev. Mit: Libuše Jarcovjáková. 90 Min. Start: 27.2.
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