Vorsicht, Klubimperialisten!: Konsortien erobern die Ligen

Investoren wie Red Bull, 777 und BlueCo besitzen gleich mehrere Fußballklubs – der aktiven Fanszene ist das gar nicht recht

Die Straßburger Ultragruppe Ultra Boys 90 protestiert gegen das BlueCo-Konsortium, dem neben Racing Straßburg auch der FC Chelsea gehört.
Die Straßburger Ultragruppe Ultra Boys 90 protestiert gegen das BlueCo-Konsortium, dem neben Racing Straßburg auch der FC Chelsea gehört.

Pünktlich auf die Minute erscheint Maxime vor dem Altstadtbistro, das es mit seiner großen Weinauswahl und den Käsespezialitäten aus dem französischen Osten eigentlich in jeden Straßburger Touriführer schaffen müsste. Kurz darauf, die Bestellungen sind mittlerweile erledigt, zeigt der höfliche Franzose, der seinen Nachnamen nicht öffentlich nennen möchte, auf eine Onlinemeldung auf seinem Handy: Am Vortag hat sich der amerikanische Investor Bill Foley, dem bereits der Premier-League-Klub AFC Bournemouth und der französische Zweitligist FC Lorient gehören, noch einen portugiesischen Erstligisten gegönnt: Moreirense FC ist nun auch Teil eines Geschäftsmodells, das in Europa immer populärer wird: »Multi-Club-Ownership« heißt es, auf Französisch »multipropriété«.

Es erlaubt internationalen Konsortien wie der Red-Bull-Gruppe oder 777, mehrere Klubs zu besitzen, um Spieler hin- und herzuschieben und mit ihnen Geld zu verdienen. Maxime ist Mitglied der Straßburger Ultragruppe Ultra Boys 90. Seit Racing im Juni 2023 von BlueCo gekauft wurde, lehnt sich seine Gruppe gegen die neuen Machtverhältnisse auf. Alle Anteile gingen damals an das Konsortium, das unter anderem Chelsea-Boss Todd Boehly sowie der amerikanischen Private-Equity-Gesellschaft Clearwater gehört. In Frankreich, wo die 50+1-Regel nicht existiert, geben sich seit einigen Jahren Investoren die Klinken in die Hand. Mehr als die Hälfte der Teams in der Ligue 1 gehören mittlerweile ausländischen Investoren. Paris St. Germain ist Eigentum von Katar, der linksalternative Stadtteilklub Red Star Paris wurde von 777 geschluckt, Zweitligist Paris FC will mit dem Red-Bull-Imperium größer denken.

Der Investoren-Gewöhnungseffekt

Vielleicht, vermuten die Straßburger Ultra Boys, ist bei den Fans durch all die Deals ein Gewöhnungseffekt eingetreten, der bis ins Elsass abstrahlt. Von einem massenhaften Aufschrei konnte jedenfalls rund ums Meinau-Stadion keine Rede sein, nachdem der BlueCo-Deal im Juni 2023 publik wurde. Den gab es nur in der Fankurve, und auch da bröckelte zuletzt der Widerstand. Fragt man am Rande des Pokalspiels gegen den FC Angers die Anhänger, hört man viel Skepsis: Fast alle hätten lieber ihre Unabhängigkeit bewahrt. Doch für die Mehrheit scheint der Besitzerwechsel keine dramatische Zäsur zu sein. Das liegt vielleicht auch daran, dass sich am Stadionerlebnis nicht viel geändert hat. Nach wie vor gibt es Flammkuchen und elsässisches Bier, Cheerleader gibt es nicht.

Doch das, was für die Ultra Boys und die Fanclubs das Entscheidende ist, hat sich eben doch geändert, findet Maxime. Man ist nicht mehr Herr im eigenen Hause. »Hier ist jetzt jemand an der Macht, dessen Motive wir nicht kennen. Arbeitet er für uns oder für Chelsea?« Genau das hätten die Ultras gerne erfahren und angeblich war BlueCo ursprünglich auch an einem Gespräch mit den Fans interessiert. »Aber zu diesem Treffen ist es nie gekommen, obwohl wir mehrfach nachgefragt haben.«

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Umso mehr sehen die Ultra Boys ihre Befürchtungen bestätigt, dass ihr Verein nur noch ein Farmteam, ein Durchlauferhitzer, für Chelsea sein soll – so wie es Red Bull Salzburg für RB Leipzig ist. In den vergangenen vier Transferperioden hat Racing 46 Spieler verkauft und 33 verpflichtet, bis auf zwei Ersatztorhüter waren alle unter 23 Jahre alt – also in dem Alter, in dem es für große Talente nur noch Spielpraxis braucht, um im Idealfall einige Monate später für viel Geld verkauft werden zu können. Dass dies der BlueCo-Plan für Racing ist, glaubt fast jeder in Straßburg. Beweisen lässt es sich nicht, denn die BlueCo-Pläne sind geheimer als die Nutella-Rezeptur. »Auch bei den Angestellten auf der Geschäftsstelle haben die sich bis heute nicht vorgestellt.« Ein Unding, finden die Ultras. Gerade für einen Verein, der von sich behauptet, familiär geblieben zu sein.

Kritik und Unterstützung für die Ultras

So sieht es wahrscheinlich die Mehrheit der Racing-Fans. Doch immer mehr von ihnen pfiffen zuletzt die Ultras aus, wenn die – wie in allen Spielen seit Sommer 2023 – die erste Viertelstunde eines Spiels schweigen. Ein »Stimmungsstreik«, der auch Kapitän Habib Diarra und Präsident Marc Keller auf den Plan rief. Beide forderten die Ultras auf, wieder 90 Minuten zu supporten. Viele, glaubt Maxime, hätten gedacht, dass die Ultra Boys danach den Streik aufgeben. Am Sonntag, beim 0:0 gegen Brest, versuchten drei Fans, mit Megaphon und Trommel in die Lücke zu stoßen, die die Ultras 15 Minuten lang offenließen. Ein kleiner Teil, vor allem auf der Gegengeraden sang mit, aber laut wurde es erst, als die Ultras wieder das Kommando übernahmen: »Wir unterscheiden eben zwischen dem, was auf dem Platz passiert und der Vereinsführung«, sagt Maxime. »Unsere Loyalität gilt dem Verein als Institution und dem, was Racing für die Region bedeutet.«

Immerhin: Im Gegensatz zu vielen Fans, die beim Stadionbesuch einfach ihr Team siegen sehen wollen, zeigten sich die meisten Fanszenen Frankreichs solidarisch mit den Protesten der Ultras. Fast alle Gäste-Fangruppen schwiegen in den vergangenen Monaten ebenfalls 15 Minuten, der Dachverband der französischen Fußballfans ANS und große Ultra-Szenen wie die von AS St. Etienne engagierten sich mit eigenen Stellungnahmen. Eine »Bestandsaufnahme« der ANS listet weit über 200 europäische Klubs, die zum Portfolio eines Investors gehören, 65 davon wurden wie Racing von einem US-Konsortium gekauft.

Traditionsvereine als Handelsware

Längst sind Fußballvereine zur Handelsware wie Nudelfabriken oder Brauereien geworden. Red Bull ist in den USA, Brasilien, Japan und Europa aktiv, die City Group bei Manchester City und dem spanischen Erstligisten Girona FC, wo – Sachen gibt’s – der Bruder des City-Trainers Pere Guardiola Präsident ist. Und spätestens nachdem sich 777 (neben Standard Lüttich, dem FC Sevilla, Melbourne Victory und dem brasilianischen Klub Vasco da Gama) de facto auch Hertha BSC einverleibt hat, beginnt sich auch in Deutschland eine Protestbewegung gegen das »Multi-Club-Ownership« zu formieren.

Dabei dürfte es einen Investor wie 777 in den deutschen Ligen eigentlich gar nicht geben, wenn man den Sinn der geltenden 50+1-Regel zugrunde legt. Die soll bekanntlich ausschließen, dass ein Investor das Sagen in einem Klub bekommt. Genau das ist in Berlin aber der Fall, seit dort zunächst die Tennor Holding von Lars Windhorst und seit März 2023 mit 777 eine Private-Equity-Gesellschaft aus Miami die Geschicke bestimmt. Möglich wurde das, weil 777 zwar fast 78 Prozent der Anteile an der ausgegliederten Profiabteilung kaufte. Da allerdings nicht alle Anteile stimmberechtigt seien, habe der Verein nach wie vor eine Sperrminorität, argumentiert die Hertha. Das ändert allerdings nichts daran, dass 777 – sollte die Gesellschaft bis dahin nicht insolvent sein – ab dem Tag, an dem Hertha schwarze Zahlen schreibt, 95 Cent von jedem eingenommenen Euro von den Berlinern bekommt – eine Horrorvision für die Hertha-Fans, die seit Jahren gegen Investoren protestieren.

Dass die Fanszenen von Hertha und Racing Straßburg befreundet sind, sorgt dabei für eine weitere Vernetzung des Protests. Ihre Aktionen gegen das »Multi-Club-Ownership« wollen weder die Berliner noch die elässischen Ultras aufgeben. »Es geht auch darum, die Leute überregional zu sensibilisieren«, sagt Maxime. »Wir wollen Vereine, die die Region abbilden und nicht die Interessen einer Gesellschaft mit ganz anderen Absichten. Was hier passiert, passiert überall in Europa.«

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