Anders als die anderen

Was die Kunst des Liedermachers Leonard Cohen besonders macht – Caspar Battegay ergründet es in einem klugen Buch

  • Michael Girke
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein poetischer Prophet: »There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.«
Ein poetischer Prophet: »There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.«

Die Qualität seiner Texte, seine wunderschönen und berührenden Melodien – vieles an Leonard Cohen begeistert bis heute. Nicht aber dieses beinahe tonlose Raspeln, Knistern, Husten, das Cohens Gesang ist. Nun stellt der in der Schweiz lehrende Kulturwissenschaftler Caspar Battegay ausgerechnet Cohens Stimme ins Zentrum eines Buches. Battegay ist bekennender Fan des 2016 verstorbenen kanadischen Liedermachers, zeigt sich von dessen Manierismen aber auch genervt. So empfindet er die in manchen Cohen-Liedern gezeichneten Frauenbilder als reichlich abgeschmackte Männerphantasien.

Ganz anders der Ton, wenn es um den Song »Story of Isaac« geht. Darin greift Cohen jene alttestamentarische Erzählung auf, in der Abraham von Gott aufgefordert wird, ihm seinen erstgeborenen Sohn Isaak als Opfer darzubringen. Anders als in der Bibel erhebt der Sohn bei Cohen die Stimme, widersetzt sich dem Befehl. Da »Story of Isaac« in jenen legendären Sixties veröffentlicht wurde, als die Jugend in vielen westlichen Ländern revolutionär gestimmt und die Popkultur in den Sog der Politik geraten war, fasst man dieses Lied häufig als Protestsong auf. Als eine Mahnung in Richtung der alten Männer an den »high places« der Gesellschaft: wenn ihr weiterhin die Jugend für eure Macht- und Geschäftsinteressen opfert, werdet ihr teuer dafür bezahlen.

Diese Deutung ist nicht falsch, meint Battegay, greift aber zu kurz. »Story of Isaac« sei ein Song voller literarischer Bezüge, mehrdeutig, schwer zu entschlüsseln. Neben anderem gehe es Cohen darum, deutlich zu machen, wie schematisch und brutal vereinfachend die Sprache von Politik und Öffentlichkeit sei. Dem halte der Sänger mit diesem und anderen Songs seine nuancenreiche Sprache der Poesie entgegen. Und hier kommt Leonard Cohens Stimme ins Spiel. Sie ist alles andere als perfekt, aber eben höchst eigen, nicht auf Linie zu bringen; die Stimme eines Individuums. Und als solche kann sie zum Klingen bringen, was man in der Welt des Glatten und Harmonischen zu unterschlagen, zu verdrängen, zu löschen bestrebt ist: das Reale mit all seinen Facetten. Dass Cohens Stimme auszudrücken vermag, was sonst nicht vorkäme, macht einen technischen Nichtskönner wie ihn zu einem famosen Sänger.

Glanzpunkt von Battegays Studie ist das Kapitel über die 90er Jahre. Das war die Zeit, als der von der Sowjetunion dominierte Ostblock gerade implodiert, der »Kalte Krieg« somit zu Ende gegangen war. Ein von Aufbruchstimmung und Optimismus geprägtes Lebensgefühl ergriff viele Menschen. Aber nicht Leonard Cohen, der auf seinem 1992 veröffentlichten Album »The Future« sang, wir würden uns bald schon zurücksehnen nach der Zeit des Kalten Krieges; er, der Sänger, habe die Zukunft gesehen, und sie sei angefüllt mit Krisen und blutigen Katastrophen.

Cohens Stimme ist nicht auf Linie zu bringen, die Stimme eines Individuums.

Haltungen wie dieser hat man – auch und gerade in der Popkultur – häufig das Label »Kulturpessimismus« aufgeklebt und sie besserwisserisch abgetan. Battegay weist indes darauf hin, wie sehr Cohens Sichtweise auf »The Future« derjenigen des Philosophen Walter Benjamin ähnele. 1940, als das nationalsozialistische Deutschland große Teile Europas eroberte und Menschen wie ihm nach dem Leben trachtete, hatte Benjamin in seiner letzten Schrift den optimistischen Fortschrittsglauben als blind kritisiert. Sowohl Walter Benjamin als auch Leonard Cohen entstammen jüdischen Familien. Cohens beide Großväter hatten wichtige Positionen in der Jüdischen Gemeinde von Montreal inne. Diese Herkunft, seine lebenslange Auseinandersetzung damit, dürften entscheidende Gründe dafür sein, weswegen Episoden und Gestalten der biblischen Mythologie eine große Rolle in den Texten Cohens spielen.

Wie Walter Benjamin sagt uns auch Leonard Cohen nicht, was wir denken sollen. Als Angehörige des Judentums, das im Laufe der Geschichte immer wieder Ausgrenzung, Verfolgung, Vertreibung, traumatisierender Gewalt ausgesetzt war (und ist), rechnen beide in ihren Werken aber stets mit dem Schlimmsten, mit der Gemeinheit und der Dummheit von Menschen, mit den Abgründen in und zwischen ihnen. Alles, was einmal geschehen ist, kann immer wieder geschehen.

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Blickt man von heute aus zurück auf die 90er Jahre, erweist sich der damals von weiten Teilen der Popkultur vertretene Geschichtsoptimismus als reine Illusion, während Leonard Cohens skeptisches Album »The Future« äußerst klarsichtig war. Natürlich gibt es auch Hoffnung in Cohens Werk. Aber nicht in Form der romantischen Ansichtskarten-Vorstellung, die man sich von ihr allerorten macht. Vielmehr wird die Hoffnung stets im Zusammenhang gesehen mit den komplizierten Verhältnissen zwischen den Menschen. Was Leonard Cohen in eine Poesie zu gießen versteht, die gleichzeitig gebrochen und schillernd ist: »There’s a crack in everything, that’s how the light gets in.«

Battegay führt vor, was alles mitschwingt, wenn Cohen auf seinen Alben zu singen anhebt. Ein grandioses Buch, das demonstriert, wie viel Vergnügen die Beschäftigung mit einer Popmusik bereiten kann, in deren Mittelpunkt Eigensinn, Intellektualität und Nachdenklichkeit stehen.

Caspar Battegay: Leonard Cohens Stimme,
Verlag Klaus Wagenbach, 144 S., geb. 22 €.

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