»The End«: Wo wären wir ohne ihre Torten?

Mit »The End« läuft abermals ein Musical zu einem sehr unmusicalhaften Thema im Kino: Der nahe Weltuntergang

  • Gabriele Summen
  • Lesedauer: 4 Min.
Tilda Swinton und Michael Shannon als Bunker-Ehepaar: Fröhlich in den Weltuntergang.
Tilda Swinton und Michael Shannon als Bunker-Ehepaar: Fröhlich in den Weltuntergang.

Nach dem Musical »Emilia Perez« über einen Gangsterboss, der eine Geschlechtsangleichung vorgenommen hat, und dem Musical-Psychodrama »Folie à Deux« über die toxische Beziehung zwischen dem Joker und Harley Quinn, kommt nun zur Abwechslung mal ein Endzeitmusical mit Tilda Swinton in die Kinos. Es geht um eine privilegierte Familie, die in einem luxuriösen Bunker unter der Erde lebt, während über ihr die Welt in Flammen steht. Woran der Vater, ein Ölmagnat, eine große Mitschuld trägt. Gedreht von dem zweifach oscarnominierten Regisseur Joshua Oppenheimer, der 2012 mit seinem aufwühlenden Dokumentarfilm »The Act of Killing« das grausame Mindset ehemaliger indonesischer Todesschwadronen-Mitglieder entlarvte und 2016 wiederum mit »The Look of Silence« die Perspektive der Opfer dieses Massenmords beleuchtete.

Klingt also erst einmal spannend – und das Musical mit seinem Hang zum Künstlichen, zur Behauptung, scheint das ideale Genre.

Möglichst viele Mitmenschen zu retten, kam dem stinkreichen Ehepaar dagegen augenscheinlich nicht in den Sinn.

Man denkt sofort an Douglas Rushkoffs Buch »Survival of the Richest«, in dem er beschreibt, wie Superreiche lieber Luxusbunker für die Zeit nach der Apokalypse bauen, statt nach Lösungen zu suchen, um den maßgeblich von ihnen mitverursachten Weltuntergang zu verhindern.

Womöglich kann der Film einem erklären, wie sich solche ignoranten und gierigen Menschen im Ernstfall in ihren Bunkerpalästen eigentlich fühlen. Oppenheimers Antwort darauf lautet: Oberflächlich betrachtet geht es ihnen pervers gut. Der wie alle anderen Familienmitglieder namenlose Vater, der von Michael Shannon gespielt wird, lässt sogar eine Fake-Biografie über sich von seinem naiven Sohn anfertigen. Darin preist dieser Papas Wohltaten für die Menschheit, die das leider nie lesen wird, da sie so gut wie ausgestorben ist. »Seit Urzeiten hat sich das Klima immer wieder gewandelt und es wird sich noch wandeln, wenn es uns nicht mehr gibt«, ist eine der uns wohlbekannten Lügen, die der Sohn zur Freude seines Vaters zu Papier bringt.

Der Sohn, gespielt von dem Star aus »1917«, George McKay, ist mittlerweile um die 20 und in diesem palastartigen Bunker in einer Salzmine geboren – und entsprechend schräg drauf. So bastelt er beispielsweise mit Hingabe an einem historisch inkorrekten Diorama von Amerika. Der Sohn hat nie das Licht der Sonne erblickt – »Ich werde nie den Himmel sehen«, singt er folglich melancholisch in einer der leider enttäuschenden Musicalnummern dieses Films. Was ein wenig verwundert, da einer der Komponisten, Marius de Vries, der unter anderem den Soundtrack von »Moulin Rouge« und »La La Land« produziert hat, als Leitender Musikproduzent mit von der Partie war. Jedoch bleibt keine der Nummern, in denen die Protagonist*innen ihre Gedanken und Konversationen singen, hängen. Stellenweise klingen die Songs sogar eher nach ambitioniertem Badewannengesang – besonders Tilda Swintons Stärken liegen klar woanders.

Womöglich ist das alles Absicht, könnte man argumentieren – schließlich ist das Leben dieser Superleugner*innen voller falscher Töne. So tanzte die von Mitproduzentin Swinton verkörperte Mutter angeblich im Bolschoi-Ballett und verbringt nun den Großteil ihrer Zeit damit, die Wände ihres Familienbunkers manisch mit berühmten Gemälden umzudekorieren. Die konnten sie offensichtlich noch in Sicherheit bringen, möglichst viele Mitmenschen zu retten, kam dem stinkreichen Ehepaar dagegen augenscheinlich nicht in den Sinn. Lediglich eine Freundin, die gut kochen und backen kann, durfte gnädigerweise mit in die trostlose Arche. Ständig ruft die durchgeknallte Familie ihr zu: »Wo wären wir ohne ihre Torten?« – nicht nur das sägt an den Nerven der Zuschauer*innen. Zudem ließ der Ölmagnat noch seinen Butler (Tim McInnerny) sowie einen Arzt (Lennie James) in den Bunker.

Es passiert quälend wenig im ersten Teil des 148 Minuten langen Films, man pflegt seine Rituale, geht täglich im Pool schwimmen und absolviert zwischendurch Feuerübungen. Ansonsten bleibt man optimistisch und redet sich ein, ein glücklicher und guter Mensch zu sein.

Doch dann entdeckt die Familie in der Nähe ihres Zufluchtsorts eine junge Frau, gespielt von Moses Ingram (»Queen’s Gambit«), die offensichtlich überlebt hat. Widerstrebend erlaubt der Vater, sie bei sich aufzunehmen.

Es kommt, wie es kommen muss, die einzigen fruchtbaren Menschen weit und breit verlieben sich ineinander. Schon bald singen sie ein ganz passables Duett in den beklemmenden Salzminen – obwohl auch sie keine ausgebildeten Singstimmen haben.

Immerhin kommt nun etwas Bewegung in das Ganze, die Ankunft der Überlebenden zwingt den Sohn dazu, seine Eltern und ihr Überleben erstmals infrage zu stellen. Jahrzehntelang unterdrückte Schuldgefühle brechen sich Bahn. Die grauenvolle Fassade bekommt Risse – doch für diese Menschen kommt jede Einsicht zu spät – im Gegensatz zu uns, die wir den Untergang der Zivilisation noch aufhalten könnten. Ach, man wünschte sich, dieses ambitionierte Musical wäre nicht so schrecklich langweilig und zermürbend wie das Leben dieser Menschen, denen nichts übrigbleibt, als sich bis in alle künstliche Ewigkeit selbst zu belügen.

»The End«: Dänemark, Deutschland, Irland u.a. 2024, Regie und Drehbuch: Joshua Oppenheimer. Mit: Joshua Oppenheimer, Tilda Swinton, Signe Byrge. 148 Minuten. Start: 27.3.

- Anzeige -

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.

- Anzeige -
- Anzeige -