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Experte: »Die rechte Szene braucht konkrete Feindbilder«

Berater sieht rechten Drift als Ursache für Erstarken von Neonazi-Gruppen

Junge Neonazis sorgen seit einigen Monaten für Zulauf bei rechten Aufmärschen.
Junge Neonazis sorgen seit einigen Monaten für Zulauf bei rechten Aufmärschen.

Warum tauchen jetzt so viele Neonazi-Gruppen mit sehr jungen Mitgliedern auf?

Die letzten 10 bis 15 Jahre waren von einer deutlichen Mobilisierungs- und Nachwuchsschwäche der Aktions- und offen Nationalsozialismus-orientierten Szene gekennzeichnet. Dies ändert sich seit etwa anderthalb Jahren. Eine wichtige Rolle bei dieser Änderung hat die erfolgreiche Mitgestaltung der Corona-Leugnungs-Demonstrationen durch Neonazis gespielt: Hier konnte die Szene ein Vakuum für Jugendliche füllen. Das in der gleichen Zeit bestehende Vakuum bei Freizeitangebot konnte regional ebenfalls durch extreme Rechte erfolgreich gefüllt werden. Auch die im Vergleich zu anderen politischen Spektren erfolgreicherer Nutzung von Social Media spielt eine große Rolle. Die vermutlich wichtigste Rolle spielt der nach rechts gedriftete Diskurs in Deutschland: Die allermeisten neuen neonazistischen Jugendgruppen sind ohne Anbindung an alte Kader entstanden. Wir sehen hier also die Popularität und die Akzeptanz rechtsextremer Einstellungen in der Gesellschaft.

Wie ideologisch gefestigt sind die Gruppen?

Die aktuell entstehende jugendliche Neonazi-Bewegung zeichnet sich durch eine außergewöhnlich ideologische Schwäche aus. Widersprüche und weltanschauliche Flexibilität, welche für ältere Neonazis unerträglich wären, spielen für die sich politisierenden Jugendlichen zum aktuellen Zeitpunkt oft eine untergeordnete Rolle – ihnen geht es vor allem um Aktionsorientierung, Gemeinschaft und aggressiv vorgetragene rechte Ideologiefragmente. Den Jugendlichen reicht oft ein plakativ vorgetragener Rassismus, Nationalismus und die Ablehnung von allem, was nicht Hetero ist.

Interview

Dominik Schumacher arbeitet bei der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus im Regierungsbezirk Düsseldorf und ist Sprecher des Bundesverbands der Mobilen Beratungen. In gut 50 Teams beraten die Expert*innen bundesweit zum Umgang mit Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus, Antifeminismus und Verschwörungserzählungen. Mit Dominik Schumacher sprach Sebastian Weiermann.

Wie sollte man in Familien, Schulen und allgemein im eigenen Umfeld reagieren, wenn sich jemand diesen Gruppen zuwendet?

Das hängt ganz von der jeweiligen Situation ab. Unser Ansatz ist, als Erstes zu schauen, ob die betreffenden Jugendlichen eine Gefahr für ihr Umfeld sind, also ob ihretwegen Mitschüler*innen Angst haben, oder Gleichaltrige sich nicht mehr in dasselbe Jugendzentrum trauen. Diese Personen zu schützen, ist für uns die erste Aufgabe. Wenn das gesichert ist, kann versucht werden, auf die extrem rechten Jugendlichen einzuwirken. Allen Beteiligten raten wir, einerseits jederzeit klare weltanschauliche Grenzen aufzuzeigen, das heißt, Diskriminierung und Propaganda nicht zu dulden. Auf der anderen Seite, den sich oft ja auch noch in der Orientierung befindlichen Jugendlichen die Möglichkeit zu bieten, wieder zurückzukehren.

Warum sind queere Menschen und angebliche »Linksextremisten« die Hauptfeinde der jungen Nazigruppen?

Aufgrund der mangelnden ideologischen Standfestigkeit und der eher an Freundeskreise erinnernden internen Struktur braucht die Szene konkrete Feindbilder, an denen sie sich abarbeiten kann. Gewalttätige Übergriffe und Auseinandersetzungen mit von ihnen zu Feinden erklärten Menschen gibt den Jugendlichen den notwendigen Zusammenhalt. Durch den gemeinsamen Feind stellen sie ihre Gruppenidentität her. Die adrenalingeladenen Auseinandersetzungen, Demonstrationen etc. – kurz: der Eventcharakter ihrer Aktivitäten – stiftet dabei in besonderem Maße Zusammenhalt. Nicht zuletzt ist die Homo- und Trans*feindschaft der ideologische Einstieg in die Szene. Die extreme Rechte profitiert hier von einer in der Gesellschaft weitverbreiteten Menschenverachtung und kann darum besonders mit diesem Thema aktuell Jugendliche für sich gewinnen. Dass die aktuell entstehende extrem rechte Jugendbewegung in den meisten Fällen ohne Anbindung an alte Kader entstanden ist, zeigt, wie verbreitet und gefährlich diese Einstellung ist.

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