Großmeisterin Heinemann: »Die Decke an Talenten ist dünn«

Zum Start der EM und WM blickt Josefine Heinemann auf die Trends im Schach der Frauen

  • Interview: Frédéric Valin
  • Lesedauer: 4 Min.
Ju Wenjun geht als Favoritin in die Weltmeisterschaft der Frauen.
Ju Wenjun geht als Favoritin in die Weltmeisterschaft der Frauen.

Am Montag ist die Schach-Europameisterschaft der Frauen auf Rhodos gestartet. Die Männer des Deutschen Schachbundes haben bei ihrer EM zuletzt ganz schön vorgelegt, Matthias Blübaum hat Gold geholt und Frederik Svane Silber. Was sind Ihre Ambitionen?

In den Top Ten zu landen ist ein natürliches Ziel, weil sich die ersten zehn für den Worldcup qualifizieren. Aber das ist natürlich ein starkes Turnier.

Seit Dienstag läuft gleichzeitig auch die Schach-WM der Frauen. Da sitzen sich Titelverteidigerin Ju Wenjun und Herausforderin Tan Zonghyi gegenüber, beide aus China. Gibt es eine klare Favoritin?

Ja und nein. Ich denke schon, dass Ju Wenjun Vorteile hat, weil sie das Format besser kennt und mehr WM-Matches bestritten hat. Vom Niveau her sind beide auf Augenhöhe, denke ich. Aber Ju Wenjun war in der Vergangenheit die stabilere Spielerin gewesen, Tan Zonghyi übertreibt es gern ein bisschen und will manchmal zu viel.

Chinesische Spielerinnen dominieren seit den 90ern das Frauenschach. Gibt es dafür konkrete Gründe?

Das ist schwierig zu beantworten, weil über das Ausbildungssystem in China wenig bekannt ist. Außergewöhnlich ist das Ungleichgewicht zwischen starken Spielerinnen und Spielern, normalerweise halten sich die Performances von Männern und Frauen die Waage. Es gibt natürlich herausragend starke Chinesen, aber bei Weitem nicht so viele Topspieler wie bei den Frauen. Von der Ausbildung hört man, dass es Internate gibt, in denen junge Talente schon früh zusammengezogen werden, um sich nur aufs Schach zu fokussieren.

Interview

Josefine Heinemann ist Großmeisterin und Schachexpertin. Anlässlich des WM-Duells zwischen Ju Wenjun und Tan Zonghyi vom 1. bis 23. April sprach das »nd« mit ihr über den Titelkampf und ihre Ambitionen bei der EM auf Rhodos.

Die Frage nach dem Nachwuchs stellt sich auch in Deutschland. Wie steht es um das Nationalteam?

Insgesamt ist die Decke an Talenten eher dünn, muss ich sagen, auch wenn es Spielerinnen gibt, die man unbedingt im Auge behalten sollte, Lisa Sickmann zum Beispiel oder die Peglau-Zwillinge Charis und Dora. Ob sie dem Team später einmal helfen können werden, das steht in den Sternen. Es ist oft so, dass Spielerinnen nach dem Abitur ein Studium beginnen und dann aufhören, professionell Schach zu spielen.

Wie sieht es in Deutschland mit der Nachwuchsförderung aus?

Es gibt schon Programme zur Spitzenförderung, aber das könnte durchaus besser sein. Das Problem ist: Wenn man sehr stark werden will, dann ist das sehr teuer – das Training, die Reisen, das kostet alles. In Deutschland kommt dazu, dass die Schule eine große Rolle spielt. Man braucht ja viel frei, um reisen zu können. Und auch dann ist der ganz große Erfolg auch bei großem Talent nicht garantiert.

Mit dem Beginn der Corona-Pandemie hatte ja gleichzeitig ein Schachboom eingesetzt. Ist davon noch etwas zu spüren oder ist inzwischen vorbei?

Für meine Begriffe hält das bis jetzt an, auch wenn nur wenig bei den Vereinen ankommt. Da hat sich viel in den Online-Raum verschoben. Ich denke auch, dass etliche Vereine nicht optimal aufgestellt waren. Es gibt viele erwachsene Interessierte, die in Schachklubs gehen wollten, um sich zu verbessern, aber für die gibt es vielerorts kein Training. Das hängt auch an den Strukturen, kleine Klubs bestehen nur aus 20 Personen oder so, da hängt dann viel an der Initiative einzelner Personen, auch was die Förderung von Kindern anbelangt. Ob es an Schulen eine Schach-AG gibt oder nicht, ist Glückssache.

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Aktuell scheint sich der Streit zwischen Star Magnus Carlsen und einigen Topspielern mit dem Weltverband Fide zuzuspitzen. Beeinträchtigt diese Revolte auch Spieler*innen, die nicht zur unmittelbaren Weltelite gehören?

Der Konflikt ist bei uns noch nicht angekommen. Man verfolgt das natürlich, aber es hat keinen Einfluss. Es ist inzwischen mehr Geld im Schach, aber davon profitieren fast nur die Spitzenverdiener. Für die erweiterte Spitze spielt der Streit aktuell keine große Rolle. Das wird vielleicht anders, falls Carlsen tatsächlich vor Gericht zieht, um Weltmeisterschaften im Freestyle-Chess austragen zu können. Der Vorteil von Fide-Turnieren ist, dass alle mitspielen können. Das ist bei Carlsens Grand Slam Tour anders, da gibt es einen Platz über die Qualifikation. Das ist natürlich viel zu wenig.

Wenn wir beim Thema Geld sind: Können Sie vom Schach leben?

Was ich reinspiele, deckt ungefähr meine Reisekosten, und den Rest verdiene ich mit anderen Dingen: durch Unterricht oder durch Youtube. Es gibt zwar auch ein paar gut dotierte Online-Turniere, aber da ist die Konkurrenz enorm, das Geld geht meistens an Leute, die eh schon gut verdienen.

Wie beurteilen Sie die Monopolisierung im Internet, wo chess.com fast alle anderen wichtigen Online-Schachangebote geschluckt hat?

Einige Services haben sich dadurch verschlechtert. Ich persönlich spiele lieber auf »lichess«, da gefällt mir das Interface besser.

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