Bundestrainer Christian Wück fordert: Den »DFB-Schalter umlegen«

Auf die deutschen Fußballerinnen wartet in der Nations League gegen Schottland viel Arbeit

  • Frank Hellmann, Dundee
  • Lesedauer: 4 Min.
Wollen es im Nationalteam besser machen als mit ihren Vereinen: Klara Bühl (l.) vom FC Bayern und die Frankfurterin Laura Freigang
Wollen es im Nationalteam besser machen als mit ihren Vereinen: Klara Bühl (l.) vom FC Bayern und die Frankfurterin Laura Freigang

Beim schottischen Fußball-Verband wird nichts unversucht gelassen. Damit der traditionsreiche Tannadice Park in Dundee beim Heimspiel von Schottlands Fußballerinnen in der Nations League am Freitagabend gegen Deutschland kein allzu trostloses Bild bietet, haben Jugendliche unter 16 Jahren freien Eintritt. 28 000 Fans haben sich 1966 hier mal bei einem Europapokalspiel gegen den FC Barcelona auf den Holztribünen gedrängelt; nach mehreren Modernisierungen bietet die Heimspielstätte des Erstligisten Dundee United nur noch die Hälfte an Plätzen.

Experimente in der Nations League

So standfest die Tribünen inzwischen sind, so tragfähig ist das Gerüst auf deutscher Seite noch nicht. Knapp drei Monate vor der Europameisterschaft in der Schweiz hat Bundestrainer Christian Wück noch nicht mal eine richtige Achse gefunden. Der Fußballlehrer ist weiter mit Bastelarbeiten beschäftigt – in seiner dunkelgrünen Trainingsjacke hat er bei den Übungseinheiten auf dem DFB-Campus wieder eindringlich auf seine Spielerinnen eingeredet. Seine ersten sechs Länderspiele waren ein ständiges Auf und Ab. Vor diesem Länderspielfenster bekannte der 51-Jährige, dass er mit seinen Fußballerinnen eigentlich gern »schon ein bisschen weiter« wäre. So wird halt gegen den schwächsten Gruppengegner mit dem Rückspiel in Wolfsburg am kommenden Dienstag noch ein wenig experimentiert.

»Wir erweitern jetzt noch mal ein bisschen den Kreis. Ich hoffe, dass wir mit unseren Einschätzungen nicht so danebenliegen.« Er sei von so mancher Spielerin nämlich »nicht zu 100 Prozent« überzeugt, sagte Wück zur Zusammenstellung des DFB-Kaders, die gleichzeitig eine Fahndung nach Führungskräften ist. Klar, Ann-Katrin Berger ist endlich auch offiziell zur Nummer eins ernannt worden, denn die 34-Jährige bringt nicht nur die meiste Erfahrung, sondern auch die größte Klasse mit. »Ich habe bei den Olympischen Spielen das abrufen können, was ich kann. Möglicherweise kann ich es noch besser«, sagte Deutschlands Fußballerin des Jahres vor der Abreise auf die Insel.

Nachwuchsproblem in der Abwehr

Doch schon direkt vor der in den USA spielenden Torhüterin offenbaren sich tiefer liegende Mängel. In der Viererkette ist eigentlich nur Kapitänin Giulia Gwinn gesetzt. Seit dem Rücktritt von Marina Hegering und den verletzungsbedingten Auszeiten von Kathrin Hendrich hat sich noch keine Abwehrchefin herauskristallisiert. Sara Doorsoun saß bei Eintracht Frankfurt zuletzt auf der Bank, Janina Minge spielt beim VfL Wolfsburg eigentlich im Mittelfeld. Zudem deutet sich an, dass es Bibiane Schulze Solano aus Bilbao nach ihrem Kreuzbandriss nicht bis zur EM schafft. In der Innenverteidigung wird das Nachwuchsproblem eklatant deutlich.

nd.DieWoche – unser wöchentlicher Newsletter

Mit unserem wöchentlichen Newsletter nd.DieWoche schauen Sie auf die wichtigsten Themen der Woche und lesen die Highlights unserer Samstagsausgabe bereits am Freitag. Hier das kostenlose Abo holen.

Im Mittelfeld haben die Frankfurterin Elisa Senß und Sjoeke Nüsken vom FC Chelsea sowie die in Lyon spielende Sara Däbritz derzeit die besten Karten, doch an die Präsenz einer Lena Oberdorf kommt keine heran. Immerhin hat die 23-Jährige nach ihrem Kreuzbandriss beim FC Bayern wieder Teile des Teamtrainings mitmachen können, ein Comeback aber ist noch nicht terminiert. Die Tür zur Europameisterschaft wird zwar lange offen bleiben, aber niemand weiß, wie schnell »Obi« wieder die alte Klasse erreicht. An dieser zentralen Schaltstelle tickt die Uhr hörbar.

Und vorne? Mittelstürmerin Lea Schüller ist in München nicht gesetzt. Klara Bühl, die ein Rekordangebot vom FC Barcelona vorliegen hatte, schon. Ihr neuer Zwei-Jahres-Vertrag beim FC Bayern beinhaltet dem Vernehmen nach aber eine Ausstiegsklausel für 2026 – die beste deutsche Offensivspielerin will wissen, wohin die Reise geht.

Sorgen in den Vereinen

Dass auf Vereinsebene der Anschluss verloren gegangen ist, spielt für Flügelstürmerin Bühl im DFB-Dress keine Rolle. »Ich bin kein Fan davon, den Klubfußball mit dem der Nationalmannschaft zu vergleichen«, sagte die 24-Jährige. »Wir müssen als Team und Einzelspielerin stets da sein. Dann können wir mit anderen Nationen mithalten und sie schlagen.« Die nicht zur ersten Kategorie zählenden Schottinnen verpassten die Qualifikation für die EM. Trotzdem forderte Wück, die beiden Partien »nicht mit angezogener Handbremse« zu bestreiten. Nach den Lehrstunden für den FC Bayern München und den VfL Wolfsburg in der Champions League sollten die betroffenen Protagonistinnen »den DFB-Schalter umlegen«, um in Dundee dann auch zu demonstrieren, wer hier immerhin als achtfacher Europameister angekündigt wird.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.