Oranienbürgerchen Leonard

Stadt Oranienburg knackt die 50 000-Einwohner-Marke

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Bürgermeister Laesicke und die Eltern Sascha und Viktoria (von rechts), im Kinderwagen schläft Leonard.
Bürgermeister Laesicke und die Eltern Sascha und Viktoria (von rechts), im Kinderwagen schläft Leonard.

Im Kinderwagen schläft völlig unberührt vom Trubel um ihn herum der kleine Leonard Dreher. Am 5. März geboren, war er der 50 000. Einwohner von Oranienburg im Landkreis Oberhavel. Weil die wachsende Stadt mit ihm diese Marke geknackt hat, wird zur Erinnerung daran am Donnerstag im Schlosspark eine Eiche gepflanzt. Der Baum steht bereits, braucht aber an seiner Wurzel noch etwas Erde. Die Schippen schon voll damit posieren Leonards Eltern Sascha und Viktoria Dreher sowie Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) zunächst für die Fotografen. Dann braucht ein Kameramann fürs Fernsehen bewegte Bilder. »Jetzt an den Baum, aber auf drei«, kommandiert Bürgermeister Laesicke und zählt ab. Schließlich wird die Erde rund um den Stamm festgetreten.

»Wo man wächst, sind auch Probleme. Aber es ist ein Privileg, solche Probleme lösen zu dürfen.«

Alexander Laesicke (parteilos) Bürgermeister

1990 zählte die Stadt im nördlichen Berliner Umland nicht einmal 29 000 Einwohner und erlebte in den ersten Jahren nach der Wende sogar einen leichten Bevölkerungsverlust. Doch seit zwei Jahrzehnten profitiert sie von der Nähe zur Hauptstadt, in der Wohnungen zuletzt knapp geworden sind, und erlebt einen fast ungebremsten Zuzug. Der 50 000. Einwohner hätte also ein Zuzügler sein können, aber ein neugeborenes Kind sei natürlich schöner, freut sich der Bürgermeister über den Nachwuchs, den er liebevoll »Oranienbürgerchen« nennt.

Zugezogen sind die Eltern: Mutter Viktoria 1998 als Fünfjährige mit ihrer eigenen Mutter aus Kasachstan, Vater Sascha – jetzt 35 Jahre alt – 2020 aus Berlin. »Ich fühle mich komplett wohl und möchte gar nicht mehr woanders hin«, sagt Sascha Dreher. Ihm gefällt Oranienburg sehr. Im Vergleich mit Berlin sind ihm bisher nur Vorteile aufgefallen. In der Hauptstadt war es lange schwer, einen Kitaplatz zu bekommen. Da wollen die Drehers mal schauen, wie das hier läuft, wenn es soweit ist. Bis der kleine Leonard in die Schule kommt, werde sich sicherlich noch viel verändern in Oranienburg, so wie sich in den vergangenen fünf Jahren viel getan habe, erwartet sein Vater.

Seit Leonards Geburt am 5. März ist die Einwohnerzahl weiter gewachsen auf 50 068. »Wo man wächst, sind auch Probleme«, gesteht Bürgermeister Laesicke bereitwillig ein. Es braucht dann eine neue Kita, eine neue Schule, ein neues Umspannwerk. Aber es sei ein »Kompliment« für die Stadt, wenn Menschen nach Oranienburg ziehen, weil es sich hier gut leben lasse, findet Laesicke. Außerdem sei es »ein Privileg«, die damit verbundenen Probleme lösen zu dürfen, sagt er.

Tatsächlich hätten andere ostdeutsche Städte und Gemeinden außerhalb des Einzugsbereichs gern solche Schwierigkeiten. Sie müssen oft mit schrumpfender Bevölkerung, Leerstand und sinkenden Steuereinnahmen kämpfen. Daran gemessen geht es Oranienburg ausgezeichnet. Dass die Stadtverwaltung am Dienstag meldete, als Sparmaßnahme müsse Oranienburg das als Rathaus und Museum genutzte Schloss verkaufen, war lediglich ein Aprilscherz.

Allerdings macht einen gelungenen Aprilscherz aus, dass er einen wahren Kern hat. So dramatisch schlecht ist die Finanzlage der Stadt keineswegs. Doch muss auch hier erst einmal verkraftet werden, dass es für die Kommunen in den Jahren 2025 und 2026 unter dem Strich voraussichtlich weniger Geld vom Land Brandenburg geben wird. Das Land muss seine Ausgaben beschränken. Die sogenannte Verbundquote, die besagt, wie viel das Land den Kommunen abgibt, wird zwar nicht gesenkt, wie Finanzminister Robert Crumbach (BSW) betonte. Doch auch die Kommunen werden damit klarkommen müssen, dass die Steuereinnahmen wegen der Wirtschaftskrise nicht so wachsen wie ursprünglich gedacht.

Das rasante Bevölkerungswachstum im Berliner Umland hat vor allem die Schattenseite, dass auch hier die Mieten steigen. Das Ehepaar Dreher lebte bisher in einer Zwei-Raum-Wohnung und brauchte jetzt mit dem Nachwuchs eine größere. Nur mit Glück hat es eine bezahlbare gefunden. Alle anderen freien Wohnungen hätten ein Einkommen komplett verschlungen und das wäre der Familie zu teuer gewesen, erzählt Sascha Dreher. Er ist bei der Deutschen Rentenversicherung angestellt, seine Frau arbeitet als Laborantin.

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