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Geschlechtergerechtigkeit: »Equal Pain Day« bei Flandernrundfahrt
Zum Abschluss der »belgischen Weihnachten« fahren Frauen und Männer gleichzeitig und werden gleich bezahlt
In Belgien steigt die Spannung: Bierkästen werden kalt gestellt und die passenden Grillprodukte geordert, damit am Sonntag das große Fest angemessen begangen werden kann. Die Flandern-Rundfahrt steht an, zum 109. Mal bei den Männern, zum 22. Mal bei den Frauen. Ganz Belgien ist deswegen in Bewegung – rund 750 000 Menschen werden wie immer die Strecke säumen und etwa 1,5 Millionen die Fernsehgeräte anschalten. Keine schlechte Quote bei knapp 12 Millionen Einwohnern. »Jeder sechste Belgier ist bei der Flandern-Rundfahrt dabei«, fasst Kristof de Kegel, Sportlicher Leiter beim Team von Titelverteidiger Mathieu van der Poel, gegenüber »nd« die Begeisterung in Zahlen.
Als »belgisches Weihnachten« gilt im Frühjahr die Radsportwoche zwischen Gent–Wevelgem am letzten Sonntag, der Flandern-Rundfahrt an diesem und Quer durch Flandern am Mittwoch dazwischen. Zum Abschluss geht van der Poel als großer Favorit an den Start. Dreimal hat er hier schon gewonnen und kommt dank seines Sieges beim ersten Klassikermonument der Saison, Mailand–San Remo, mit viel Selbstbewusstsein. Zudem kochte er letzte Woche beim harten Halbklassiker E3 die Konkurrenz mit einem Solosieg ab.
Größter Konkurrent ist Tadej Pogačar. Der Slowene musste in San Remo die taktische und physische Überlegenheit van der Poels akzeptieren. Die Flandern-Rundfahrt mit ihren zahlreichen kurzen Anstiegen liegt dem Niederländer auch mehr. Dennoch will der dreifache Tour-de-France-Sieger seinem bisher einzigen Sieg in Flandern aus dem Jahr 2023 einen weiteren hinzufügen. Eine frühe Attacke der beiden Superstars, gekrönt vom finalen Duell, ist das wahrscheinlichste Szenario.
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Bei den Frauen können die Fans sogar auf einen belgischen Sieg hoffen. Weltmeisterin Lotte Kopecky hat in dieser Saison zwar noch kein Rennen gewonnen, startete aber auch später als gewohnt. »Wir haben ihr Programm etwas geändert. Das wird jetzt erst ihr viertes Rennen. Aber sie kommt so langsam in ihre wahre Verfassung hinein«, meint ihr Teammanager Danny Stam. Kopecky selbst sieht das ähnlich: »Ich komme Schritt für Schritt der Form näher, die ich haben will.« Bei Gent–Wevelgem leistete sie noch Kärrnerarbeit beim Sieg ihrer Teamkollegin Lorena Wiebes.
Bei Quer durch Flandern wurde Kopecky am vergangenen Mittwoch schon Zweite und gewann den Sprint einer Verfolgergruppe hinter Solosiegerin Elisa Longo Borghini. Diese beiden stehen auch am Sonntag im Fokus: Sie gewannen die Flandern-Rundfahrt jeweils schon zweimal und könnten sich mit einem dritten Sieg an die Spitze der Bestenliste setzen. Kopecky kann dabei auf ihre Explosivität vertrauen, die Italienerin Longo Borghini muss versuchen, allein oder mit nur ganz wenigen Begleiterinnen anzukommen. Im letzten Jahr gewann sie den Sprint aus einer Dreiergruppe nur, weil sie noch eine Teamkollegin dabei hatte und beide mit gemeinsamer Kraft Kasia Niewiadoma vom deutschen Canyon-Rennstall in Schach halten konnten.
Schön war damals, dass die Sprintentscheidung zwischen den Frauen den krönenden Abschluss des »belgischen Weihnachten« bedeutete. Denn Route und Startzeiten sind so gelegt, dass Männer und Frauen nicht nur mehrfach an den gleichen Stellen an den Fans vorbeifahren. Die Ankunftszeit der Frauen ist auch etwa eine Stunde später als die der Männer – die Radsportlerinnen stellen also nicht die Vorband für die männlichen Stars dar. Ganz im Gegenteil: Pogačar und van der Poel heizen die Stimmung an, bevor dann Kopecky, Longo Borghini und eventuell erneut Niewiadoma um den Titel der Königin von Flandern kämpfen.
Die Ausrichter sind ohnehin starke Partner bei der Aufwertung des Radsports der Frauen. Schon 2022 gab es das gleiche Preisgeld für Frauen und Männer – jeweils 50 000 Euro, davon 20 000 für Siegerin und Sieger. Ein Jahr später lancierte Tourchef Tomas Van Den Spiegel den Slogan »Equal Pain Day«. Das war eine Anspielung auf das gleiche Entgelt, das Frauen für die gleiche Arbeit wie die Männer bekommen sollen, und auf das ähnliche Leid, das Sportlerinnen und Sportler auf den Pflastersteinen und Feldwegen aushalten müssen. »Wir hatten einen Mehrjahresplan, um die Unterschiede im Preisgeld zu beseitigen. Wir sehen, dass die Sieger in beiden Rennen die gleichen Opfer bringen müssen, und deshalb sollen sie das gleiche Geld erhalten. Daher haben wir den ›Equal Pay Day‹ in ›Equal Pain Day‹ umgewandelt«, begründete Van Den Spiegel die Entscheidung.
Bis zur gleichen Bezahlung durch die Teams ist es noch ein weiter Weg. Die Flandern-Rundfahrt und die beiden anderen Rennen der »belgischen Weihnachten« sind aber Meilensteine auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit im Straßenradsport.
Wenn es um deutsche Hoffnungen bei der Flandern-Rundfahrt geht, sind ebenfalls die Frauen im Fokus. Liane Lippert – bei Quer durch Flandern am Mittwoch immerhin Sechste – geht mit Außenseiterchancen auf das Podium an den Start. Nils Politt, letztjähriger Dritter in Flandern, stürzte am Mittwoch. Selbst in Bestform sind für ihn vor allem Helferdienste für seinen Teamkapitän Pogačar vorgesehen.
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