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Die Armenier, die Linkspartei und Lepsius
Zentralrat und Abgeordnete streiten um Anfrage zur Völkermord-Gedenkstätte im Potsdamer Wohnhaus
Der Pfarrer Dr. Johannes Lepsius (1858-1926) unterstützte die 1915/16 im Osmanischen Reich verfolgten Armenier. Er gründete ein großes Hilfswerk, das mindestens 20 000 Flüchtlinge überleben ließ. Er besorgte im Auftrag des Auswärtigen Amtes 1919 jedoch auch eine durch Auslassungen und Fälschungen manipulierte Dokumentensammlung, die die Mitverantwortung Deutschlands für den Völkermord an den Armeniern vertuschte.
Wegen der zwiespältigen Biografie des Lepsius streiten sich die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke (Linkspartei) und Schawarsch Owassapian, der Vorsitzende des Zentralrats der Armenier in Deutschland. Hintergrund ist die finanzielle Förderung für das Potsdamer Johannes-Lepsius-Haus, wo der Pfarrer gewohnt hatte. Das Haus soll im Dezember zum 150. Geburtstag von Johannes Lepsius als Gedenkstätte für den Völkermord an den Armeniern eröffnet werden. Der Bund schießt im laufenden Jahr 300 000 Euro zu.
Jelpke stellte dazu bereits im Juli eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung. Sie verwies dabei zum Beispiel auf die Aktenmanipulation und auf antisemitische Äußerungen. Lepsius habe gesagt, das jüdische Volk habe das Mittelalter als »Parasit« der Germanen überstanden, und er habe den Rassefanatiker Housten Steward Chamberlain verehrt. »Es handelt sich um eine Frage der Geschichtswissenschaften«, wich Staatsminister Gernot Erler in seiner Antwort auf die Anfrage aus. Er sicherte jedoch gleichzeitig zu, das Lepsius-Haus werde sich kritisch mit der Biografie des Pfarrers befassen. Der Vorgang erzürnte den Zentralrat. Er verteidigte Lepsius in einer Erklärung, die von Jelpke am Dienstag mit einer Pressemitteilung gekontert wurde, auf die Owassapian noch am selben Tag mit einem Offenen Brief reagierte. Dabei sind sich beide Seiten einig über den Völkermord, der von der türkischen Regierung bis heute geleugnet wird.
Owassapian fürchtet aber ein verzerrtes Bild. Man wolle Lepsius nicht unkritisch verehren, scheue sich allerdings auch nicht, »die Verdienste des Mannes zu würdigen, dem wir viel verdanken«. Den Vorwurf des Antisemitismus versucht der Zentralrat mit dem Hinweis zu entkräften, Lepsius habe mit Juden zur Rettung des armenischen Volkes zusammengearbeitet, so mit dem US-amerikanischen Botschafter in Konstantinopel, Henry Morgenthau senior.
Jelpke erinnert an andere Anwälte der armenischen Sache, an den Reichstagsabgeordneten Karl Liebknecht und den Schriftsteller Armin T. Wegener, und möchte, dass auch diese dafür geehrt werden. Was Lepsius betrifft, so zieht sie einen Vergleich zu den Hitler-Attentätern um Graf Stauffenberg. Diese hätten das Verdienst, wenigstens in letzter Minute den Tyrannenmord versucht zu haben. Wer aber ausblende, dass sich ein Großteil der Verschwörer am Vernichtungsfeldzug beteiligte, zum Holocaust schwieg oder diesen gar unterstützte, werde dem 20. Juli nicht gerecht. »Eine ebensolche Herangehensweise scheint mir im Fall Lepsius geboten.« Sie begrüße, dass die Regierung sich für ein differenziertes Lepsius-Bild einsetzen wolle.
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