Begeistert, laut, fair

Wer zu spät kommt, den bestraft der Regen. Als ich am Freitag wie gewohnt mit der S-Bahn zur Abendsessison will, liege ich schon etwas hinter meinem Zeitplan zurück. Die Wettkämpfe haben begonnen, ich bin hektisch. Noch misslicher wird die Situation, als ich am S-Bahnhof Olympiastadion eine Pause einlegen muss: Es gießt aus Kübeln, es donnert und grollt, die paar hundert Meter zum überdachten Reporterplatz wären kaum ohne Schäden an Laptop und Gesundheit zu schaffen. Also heißt es warten.

Ich blickte mich um. Hunderte verharren unter dem Dach der kleinen Bahnhofshalle und starren in das heftige Berliner Sommergewitter. Der kleine Kiosk brummt. Ich komme ins Gespräch mit dem älteren Herren neben mir. »John Sheehan, Team Coach,« steht auf dem Schild, das er um den Hals trägt. Darunter eine irische Flagge.

Ob er nicht dringend ins Stadion muss, frage ich ihn. Nein, er sei für die irischen Sprinter zuständig.Sein Starter, der das 400-m-Finale erreicht hat, sei spät am Abend dran. Die Iren seien nicht so schlecht, sagt er und zählt die Erfolge der letzten Jahre auf. Ich verstehe wenig, er spricht einen starken Akzent, aber ich nicke höflich und viel – so viel, dass er wohl merkt, dass ich nicht alles kapiere.

Ich frage ihn, was das Beste an den WM war. Sicher der Sprinter Bolt oder? »Der war herausragend«, sagt Shee-han, »aber noch besser fand ich den deutschen Diskuswerfer Harting. So ein Sieg im letzten Versuch, stark!« Ich höre auf zu nicken: Soll ich ihm jetzt vom Knatsch um Harting und den Dopingopferhilfeverein erzählen? Doch der Ire schwärmt schon weiter. »Das Allerbeste ist das Publikum. So begeistert, so laut, aber so fair! Selbst wenn es nicht immer so voll war.« Ich nicke, ehrlichen Herzens, und verabschiede mich. Die Begeisterung in Berlin werde ich nicht vergessen. Wie alle, die dabei waren.

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