Armutsdebatte fehl am Platze
Barmer Krankenkasse stellt aktuelle Analyse des Gesundheitssystems vor
Im 300-Seiten-Report der Barmer Ersatzkrankenkasse mit dem nüchternen Titel »Gesundheitswesen aktuell 2009« werden auch die Einkünfte der niedergelassenen Mediziner untersucht, deren Proteste gegen die Honorarreform in den letzten Monaten wiederholt für Schlagzeilen sorgten und den Eindruck erweckten, dass die Branche endgültig im Jammertal der Geringverdiener angekommen sei.
Die Zahlen, so der Herausgeber des Kompendiums, Uwe Repschläger, sprechen allerdings eine andere Sprache. Die Honorare der Gesetzlichen Kassen sind seit den 90er Jahren um 90 Prozent auf inzwischen knapp 30 Milliarden Euro gestiegen. Im Durchschnitt habe ein Arzt ein Einkommen von 195 000 Euro vor Steuern im Jahr. Eine Armutsdebatte sei daher fehl am Platze. Die Mediziner verdienten nach BEK-Berechnungen circa das Sechs- bis Siebenfache der Kassenmitglieder. Wenn man ein Problem habe, dann sei es ein Verteilungsproblem der Honorare innerhalb der Ärzteschaft, so Repschläger. Darüber hinaus wachse die Zahl der niedergelassenen Ärzte in jedem Jahr, während die Zahl der GKV-Versicherten seit 10 Jahren konstant blieb. Die Zahl der Kassenärzte ist sei Anfang der 90er Jahre um mehr als ein Drittel auf 135 000 gestiegen. Johannes Vöcking, BEK-Vorstandsvorsitzender, wies weitergehende Honorarforderungen der Kassenärzte kategorisch zurück.
Ein anderer Schwertpunkt der Untersuchungen liegt auf dem Zusammenhang zwischen dem sozialen Status der Versicherten und deren Krankheitsstatus. Nicht neu, aber von Neuem belegt werden konnte: Versicherte, deren sozialer Status und Bildungsstand höher ist, sind deutlich weniger krank.
Es ist kein Zufall, dass der Bericht kurz vor den Bundestagswahlen erscheint. Er thematisiert Kernprobleme der Gesetzlichen Krankenversicherung und stellt ihnen die Strategien der Parteien gegenüber. Die Union mogelt sich um klare Aussagen herum, die FDP setzt ganz klar auf Privatisierung und SPD, Linke sowie Grüne präferieren Bürgerversicherungsmodelle, mit denen sie die Gesetzliche Krankenversicherung stärken wollen. Doch ob die letztgenannten Strategen eine Chance bekommen, ihre Vorstellungen umzusetzen, ist offen. Barmer-Vorstand Vöcking rechnet jedenfalls mit einem Systemwechsel: »In der politischen Pipeline könnte auch drin sein, dass die GKV privatisiert wird.«
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