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VNG setzt künftig auf grüne Moleküle

Ostdeutscher Gaskonzern reagiert kühl auf Gerüchte über Wiedereröffnung der Nordstream-Pipeline

  • Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein VNG-Mitarbeiter auf dem Gelände eines unterirdischen Speichers des ostdeutschen Gaskonzerns
Ein VNG-Mitarbeiter auf dem Gelände eines unterirdischen Speichers des ostdeutschen Gaskonzerns

Wenn es um die Energiewende ging, schien die Zukunft lange Zeit den Elektronen zu gehören. »Alles, was elektrifiziert werden kann, sollte mit grünem Strom betrieben werden«, sagt Ulf Heitmüller, Vorstandsvorsitzender des in Leipzig ansässigen Gaskonzerns VNG. Für einige Industriebranchen aber wäre das nicht praktikabel; sie sind auf Gas als Rohstoff oder Energieträger angewiesen. Das habe mit Blick auf den Abschied vom fossilen Zeitalter zum Umdenken geführt. Es sei inzwischen klar, dass »neben den Elektronen auch Moleküle eine wichtige Rolle spielen«, sagt Heitmüller – nur, dass sie ebenfalls »grün« sein müssen.

Der VNG-Konzern, der sein Geld bisher mit Handel, Transport, Vertrieb und Speicherung von fossilem Erdgas verdient, sieht sich dafür gewappnet. In diesem Jahr soll in einem »Energiepark« im sachsen-anhaltischen Bad Lauchstädt, den ein Konsortium von insgesamt sieben Unternehmen betreibt, der erste Elektrolyseur den Probebetrieb aufnehmen, der mit dem Strom von direkt angeschlossenen Windrädern grünen Wasserstoff herstellt. Zunächst können 2700 Tonnen im Jahr erzeugt werden, die rechnerisch 24 000 Haushalte versorgen könnten. Abnehmer ist in diesem Fall die Total-Raffinerie Leuna, die über eine 25 Kilometer lange Pipeline angebunden ist. Ab 2029 soll ein weiterer Elektrolyseur in Lutherstadt Wittenberg grünen Wasserstoff für die Stickstoffwerke Piesteritz erzeugen. Er soll jährlich 50 000 Tonnen herstellen.

All das wirkt noch bescheiden im Vergleich zu der Menge an klimaschädlichem Erdgas, die in Deutschland verheizt und verarbeitet wird. Sie wuchs zuletzt um zwei Prozent auf 835 Terawattstunden. Erdgas sei der zweitwichtigste Energieträger und decke 26 Prozent des Primärenergieverbrauchs, sagte Heitmüller. Von der regen Nachfrage profitiert nicht zuletzt VNG. Der Konzern verbuchte 2023 einen Gewinn von 232 Millionen Euro und damit ein Ergebnis, das »deutlich über unseren Erwartungen« gelegen habe, wie Finanzvorstand Bodo Rodestock betonte. Der Umsatz ging gegenüber 2023 erneut um 31 Prozent auf 16,1 Milliarden Euro zurück, was vor allem an gesunkenen Gaspreisen gelegen habe. Diese seien allerdings mit 41 Euro je Megawattstunde immer noch doppelt so hoch wie vor dem russischen Überfall auf die Ukraine, betonte Heitmüller.

»Für uns ist keine direkte Rückkehr zu russischen Lieferungen absehbar.«

Ulf Heitmüller Vorstandschef VNG

Der Krieg bedeutete auch für VNG eine Zäsur. Das Unternehmen, das aus der 1958 gegründeten, damals in Dessau ansässigen Technischen Leitung Ferngas hervorging, hatte ein knappes halbes Jahrhundert fast ausschließlich Erdgas aus der Sowjetunion und später aus Russland bezogen, war dann aber über Nacht quasi zum »kalten Entzug« gezwungen, weil Russland »einseitig und vertragsbrüchig« die Lieferungen eingestellt habe, wie Heitmüller sich erinnert. Die dadurch ausgelösten Verwerfungen am Energiemarkt stürzten VNG in eine existenzielle Krise. Weil Gas plötzlich zu horrenden Preisen beschafft werden musste, verzehrte der Konzern sein Eigenkapital in atemberaubendem Tempo; zeitweise stand im Jahr 2022 sogar eine Verstaatlichung im Raum. Nicht zuletzt eine Kapitalerhöhung durch die Eigentümer rettete den Konzern.

Mittlerweile steht dieser wieder mehr als solide da. VNG ist das umsatzstärkste Unternehmen in Ostdeutschland und beschäftigt 1939 Mitarbeiter. Zur Rettung trug auch bei, dass man genügend alternative Bezugsquellen für Erdgas fand. 2024 habe man als erstes deutsches Unternehmen Pipeline-Gas aus Algerien bezogen. Außerdem gibt es langfristige Verträge mit norwegischen Lieferanten, und es wird Flüssigerdgas (LNG) bezogen. Russisches Erdgas spielt in den Überlegungen derzeit keine Rolle mehr. Zwar drängt etwa der Chef eines mitteldeutschen Chemieparks auf eine Wiederaufnahme russischer Gaslieferungen, um das Angebot zu erweitern und die Preise zu drücken. Auch Politiker wie Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hatten immer wieder gefordert, an Nordstream festzuhalten. Genährt wurden derlei Forderungen zuletzt durch Spekulationen, wonach in Gesprächen zwischen den USA und Russland über einen Friedensplan für die Ukraine auch eine Wiederinbetriebnahme der 2022 weitgehend zerstörten Nordstream-Pipeline eine Rolle spielen könnte. Doch ob es dazu kommt, ist offen. »Vieles ist Hörensagen«, erklärt denn auch VNG-Vorstand Heitmüller. Für den Konzern, betont er, sei »keine direkte Rückkehr zu russischen Lieferungen absehbar«, und fügt an: »Die Frage stellt sich für uns nicht.« VNG habe seit 2022 andere Lieferanten für Erdgas gefunden und bemühe sich um weitere.

Nötig ist das nicht zuletzt deshalb, weil Erdgas nach Ansicht des VNG-Chefs noch für geraume Zeit verfeuert werden dürfte. Es werde »noch für einen längeren Zeitraum ein wesentlicher Bestandteil des Energiesystems« bleiben, sagte Heitmüller und verwies darauf, dass die Nachfrage in der Industrie zuletzt um acht Prozent gestiegen sei. Dass die dreckigen Moleküle schon in naher Zukunft komplett durch solche aus grünem Wasserstoff ersetzt werden könnten, glaubt er nicht. »Der Hype ist etwas zum Erliegen gekommen«, sagte er. Es gebe inzwischen eine »realistischere Betrachtung zur Geschwindigkeit«, fügte er an, ohne konkrete Jahreszahlen zu nennen.

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Dass der Übergang zu grünen Gasen aber erfolgt, davon ist man bei VNG überzeugt – wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Schon im Jahr 2024 sei ein Gutteil der 329 Millionen Euro, die man aufgrund der gut laufenden Geschäfte in Investitionen habe stecken können, »gezielt« in das Geschäft mit »erneuerbaren Gasen« geflossen, heißt es. Bis zum Jahr 2035 sei man gewillt, fünf Milliarden Euro in Bemühungen zur »Dekarbonisierung« zu investieren. Diese verzögere sich bisher, weil wichtige politische Vorgaben wie eine »verlässliche Bepreisung von CO2-Emissionen« fehlten, heißt es bei VNG, wo man aber auf eine Besserung der Lage setzt. Die Koalitionsgespräche zwischen Union und SPD zeichneten ein »hoffnungsvolles Bild«, sagte Heitmüller. Neben einem Bekenntnis zu Erdgas gebe es auch Unterstützung für den Umstieg auf grünen Wasserstoff und Biogas. »Das könnte die strategische Ausrichtung von VNG stärken«, sagte der Vorstandschef, der aber betonte, nun müssten die Pläne in einen verbindlichen Koalitionsvertrag und danach in Gesetze und Beschlüsse gegossen werden.

Der Konzern jedenfalls sieht sich für den Übergang zu grünen Molekülen gewappnet. »Wir leisten da Pionierarbeit«, sagt Technikvorstand Hans-Joachim Polk. Im Energiepark Bad Lauchstädt solle in absehbarer Zeit die gesamte Wertschöpfungskette für grünen Wasserstoff umgesetzt sein: »Da schlägt das Ingenieurs-Herz höher.« Zudem hat eine VNG-Tochter im Jahr 2024 den Zuschlag als Betreiberin von 600 Pipeline-Kilometern im deutschen Wasserstoff-Kernnetz erhalten. 20 Prozent davon werden neu gebaut. 80 Prozent sind Leitungen, durch die bisher Erdgas transportiert wurde – und in denen künftig grüne Moleküle befördert werden.

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