Bedrohliche Bilder des Fremden
Das Deutsche Historische Museum zeigt einen zu reduzierten Blick auf »Bilder von den Anderen«
Marianne und Germania aus Gips und Bronze stehen sich gegenüber. Die weibliche Versinnbildlichung Frankreichs wurde in der Revolution geboren. Ihr deutsches Gegenstück ist da eher passiv; es sollte in den antinapoleonischen Kriegen befreit werden. Gemeinsam leiten Marianne und Germania dennoch die Ausstellung »Fremde? Bilder von den Anderen in Deutschland und Frankreich« im Deutschen Historischen Museum ein.
Der historische Bogen der Fremdendarstellung beginnt im Jahre der deutschen Reichseinigung 1871 und führt bis in die Gegenwart. Die französische Marianne stellt in diesem Ereignisstrom die einzige aktive Frauenfigur dar. Das wirft ein besonderes Licht auf die Zeiten und das Thema der Darstellung von Fremden – aber auch auf die Ausstellungsmacher selbst. Sie entscheiden sich, aus den vielen Bildnissen von Fremdheit in erster Linie das propagandistische Muster des feindlichen, dabei stets brutalen und dummen Soldaten und das Klischee des mal die Drecksarbeit machenden, mal als Bedrohung für den eigenen Arbeitsplatz wahrgenommenen Migranten auszuwählen. In Kriegszeiten geben sich daher Affen mit Pickelhaube oder Stahlhelm und schwarzhäutige Sexmonster (französische Kolonialsoldaten) ein grausig-komisches Stelldichein. In Friedenszeiten ist der Fremde vor allem ein Arbeitsmigrant.
Dankenswerterweise erweitert die Ausstellung die zunächst eingenommene deutsch-französische Perspektive und zeigt Fotos von polnischen und russischen Wanderarbeitern, die Berlin passieren, um auf sächsische Felder zu gelangen. Ebenso tauchen Aufnahmen und Karikaturen von italienischen und französischen Straßenhändlern, Spielleuten und Akrobaten auf, die dem Berlin vor dem 1. Weltkrieg ein kosmopolitisches Gepräge gaben, gleichzeitig – wie den Dokumenten abzulesen – aber auch als Verbreiter von Unordnung gefürchtet waren.
Nach dem 2. Weltkrieg tritt der Fremde in dieser Ausstellung als Gastarbeiter auf. Türken kommen nach Deutschland, Nordafrikaner nach Frankreich. Diese Einschränkung verwundert angesichts des zunehmenden Einfluss der Popkultur außerordentlich. Kein Cary Grant, kein James Dean, keine Brigitte Bardot, keine Beatles oder Stones sollen einen Einfluss ausgeübt haben?
Interessant ist im Zusammenhang des Gastarbeiterdiskurses eine vorgelagerte Bilderfolge. Ein mit kyrillischen Schriftzügen versehenes Plakat aus dem Jahre 1942 fordert Frauen aus den von den Deutschen besetzten Gebieten der damaligen Sowjetunion zur Arbeit in Deutschland auf. »Ich bin gut in Deutschland angekommen«, steht über dem Bild einer blonden Frau. Die mit diesem Werbeplakat nur dürftig kaschierte Kampagne zur Zwangsarbeit ist für deutsche Verhältnisse der »missing link« zwischen den Erntehelfern aus dem Osten vor dem 1. Weltkrieg, den anatolischen Gastarbeitern ab den 50er Jahren und den heutigen polnischen Putzfrauen und in Bordellen ausgebeuteten osteuropäischen Prostituierten.
Die Doppelspur aus kriegsgeilen feindlichen Soldaten und zu domestizierenden Arbeitsmigranten wird nur an wenigen Stellen verlassen. Bestrebungen von sogenannten rassenkundlichen Vermessungen von Einwohnern Afrikas und Asiens sind vor dem 1. Weltkrieg in ganz Europa verbreitet, also auch in Frankreich und Deutschland. Der Antisemitismus schließlich schlug ebenfalls in beiden Ländern Wurzeln, wie einschlägige Hetzblätter, die in einem Sonderraum ausgestellt sind, belegen.
Dass die Bilddokumente aber nicht immer nur Ausdruck des vorherrschenden abweisenden Denkens sind, sondern durchaus anders rezipiert werden können, zeigt die Geschichte eines Anti-Partisanenplakats der deutschen Besatzer in Frankreich. Ungarische Juden und italienische Kommunisten hatten sich den französischen Partisanen angeschlossen, waren gefasst und hingerichtet worden. Das Plakat, das den Widerstand als ausländisch, jüdisch und kommunistisch denunzieren sollte, führte bei der französischen Bevölkerung aber zum Gegenteil: zu noch größerem Respekt vor diesen Mitkämpfern der Résistance.
Weil die Ausstellung sich generell aber zu sehr auf die Herausstellung der Bedrohung durch das Fremde – als feindlicher Soldat oder als Arbeitsmigrant – konzentriert, wirkt der aktuelle Ausblick auf die Bodengewinne des Islam ziemlich hölzern. In der Logik der anderen Exponate und Texttafeln kann er weitgehend nur als neuerliche Gefahr empfunden werden.
Ein Projekt, das die Augen für das Wahrnehmen des und der Fremden öffnen wollte und dies streckenweise auch tut – interessant sind Gespräche mit den zahlreichen französischen Ausstellungsbesuchern – hat sich konzeptuell selbst in eine Sackgasse manövriert.
Bis 31.1., täglich 10-18 Uhr, DHM, Ausstellungshalle Hinter dem Gießhaus 3, Mitte, weitere Infos unter www.dhm.de
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