Klassenkämpfer
Paul Weller stellte neues Album in Berlin vor
Es ist die Tragik großer Musiker, dass sie immer wieder auf ihre frühen, inzwischen zu Klassikern geronnenen Werke gestoßen werden. Die Rücksicht des Publikums darauf, dass der jeweilige Künstler seine aktuellen Schöpfungen um einiges höher schätzt und ihn seine frühen Ohrwürmer schon bis in den Schlaf verfolgen, hält sich in engen Grenzen.
So war beim Exklusiv-Gig des britischen Punk-, Soul-, Pop- und Politveteranen Paul Weller am Mittwochabend im winzigen Kreuzberger Klub »Wiener Blut« die Erwartungshaltung der etwa hundert geladenen Gäste deutlich zu spüren: Schön und gut, die neuen Sachen – aber wann kommt denn was von »The Jam«? Von dieser ersten Band Wellers erklang denn auch – als letzter Song zwar, dafür um so elektrisierender und das Konzert im Nachhinein überstrahlend – das wunderbare »Butterfly Collector«. Mit dem Trio The Jam hat sich Weller bereits in den 70er und frühen 80er Jahren den Status eines Säulenheiligen des englischen Pops erspielt. Hätte er am Mittwoch auch noch »That's Entertainment« (ebenfalls von The Jam) oder »Ever changing Moods« aus seiner Zeit mit dem Projekt »Style Council« angespielt – das Publikum wäre vor Dankbarkeit wahrscheinlich ausgerastet. Allerdings hätten die alten Hits dem Rest des Konzertes dann zu sehr die Show gestohlen.
Und das wäre schade gewesen. Denn akustisch, nur mit Gitarrenbegleitung und dem Kult-DJ Andy Lewis am Cello lieferte Weller einen sehr kurzen, sehr schönen, sehr intimen Abend, während dem er auch einige Songs des neuen Albums »Wake up the Nation« kredenzte. Der pathetische Titel seines noch nicht veröffentlichten jüngsten Werks lässt schon ahnen, dass der alte Klassenkämpfer Weller nicht vor hat, auf seine alten Tage die Gewohnheiten zu ändern.
Die Single »No Tears to cry« – eine mit legendären 60er-Jahre-Musikern eingespielte, treibende Soul-Nummer lässt neben den engagierten Inhalten aber auch musikalisch hoffen. Beim Konzert am Mittwoch entwickelte der Song jedenfalls auch »unverstärkt« seine Wirkung, wie überhaupt die reduzierte akustische Form den Liedern Wellers sehr gut bekommt.
Wie angenehm dadurch einige seiner 80er-Jahre-Produktionen klanglich und atmosphärisch korrigiert werden, konnte man schon auf Wellers absolut großartigem Unplugged-Album »Days of Speed« bezeugen. An solche Klasse wird »Wake up the Nation« nicht heranreichen, denn erstens werden die Songs voll instrumentiert einiges an Tiefe verlieren, das Gewicht eher auf Pop und Soul liegen. Zweitens reichen zumindest die beim Konzert vorgetragenen neuen Texte an die Perlen von früher nicht heran.
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