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Siemens: Geräte und Profite
Die Entwicklungen aus dem Hause Siemens trieben die industrielle Revolution voran, Geräte wie das Protos-Bügeleisen erleichterten Hausfrauen die Arbeit. Doch das ist nur die eine Seite der Firmengeschichte, wie dem Buch »Siemens in Berlin« zu entnehmen ist. Während die Beschäftigten als Soldaten auf den Schlachtfeldern starben, machte das Unternehmen mit der Rüstungsproduktion Profit, beutete ersatzweise Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge aus. Zeitweise betrug der Anteil der Zwangsarbeiter an der Belegschaft in den Berliner Siemenswerken 27 Prozent. Die Namen von allein fast 3000 im Ersten Weltkrieg gefallenen Arbeitern und Angestellten sind auf einem Denkmal zu lesen, das in Berlin an der Kreuzung von Nonnendammallee und Rohrdamm steht.
Auf dem Gelände des Schaltwerks habe sich ab 1942 ein Lager befunden, in dem viele Ukrainerinnen auf engstem Raum eingepfercht waren, schreibt die Autorin Dorothea Zöbl in ihrem Buch. Ab Sommer 1944 seien im benachbarten Lager Haselhorst 1450 Häftlinge aus dem KZ Sachsenhausen und 700 Frauen aus dem KZ Ravensbrück untergebracht gewesen. Die Erinnerung daran sei in beiden Fällen später durch das Anlegen von Grünanlagen und Kleingartenkolonien getilgt worden.
Als der Ingenieur Werner Siemens und der Feinmechaniker Georg Halske 1847 eine Telegrafenbauanstalt gründeten und nahe des Anhalter Bahnhofs unterbrachten, war die Entwicklung zum Weltkonzern so noch nicht abzusehen. Anfangs wohnte Siemens unter der Werkstatt, Halske richtete sich darüber ein. Nach mehreren Stationen entstand dann in Siemensstadt ein gewaltiger Industriekomplex, in dem 1941 etwa 70 000 Menschen arbeiteten. Daneben gab es Werkssiedlungen.
Im Auftrag des preußischen Königs errichtete Siemens & Halske die erste europäische Fern-Telegrafenlinie zwischen Berlin und Frankfurt am Main. Über diese Linie fragte die in der Frankfurter Paulskirche tagende Nationalversammlung am 28. März 1849 bei König Friedrich Wilhelm IV. an, ob er seine Wahl zum deutschen Kaiser annehme. Der Monarch lehnte die Krone ab, weil ihr der Ludergeruch der Revolution anhafte.
Vom Dynamowerk in der Siemensstadt aus wandte sich Adolf Hitler am 10. November 1933 mit einer Propagandarede an das »schaffende Volk«. Seine Worte sollten in ganz Deutschland verbreitet werden. Die Deutsche Arbeitsfront (DAF) ließ spezielle Empfangsgeräte für Turnhallen oder Kantinen bauen, die nach dem Datum der Ansprache benannt wurden: DAF 1011. Schon vor dem Ende der Nazizeit wurde die Firmenzentrale nach Süddeutschland verlegt. Da blieb sie.
Dorothea Zöbl: »Siemens in Berlin. Spaziergänge durch die Geschichte der Elektrifizierung«, verlag für berlin-brandenburg, 196 Seiten (brosch.), 12,90 Euro, ND-Bestellservice, Tel.: (030) 29 78 17 77
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