Mafia-Jäger spalten Italiens Gesellschaft

Denkmal für Falcone und Borsellino zerstört

  • Anna Maldini, Rom
  • Lesedauer: 2 Min.
Auch 18 Jahre nach ihrem Tod noch spalten die Mafia-Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino die Gesellschaft Italiens. Am Wochenende, vor einer Gedenkfeier für Borsellino, wurde in Palermo ein Denkmal für die beiden Freunde zerstört.

»Giovanni und Paolo, zwei freie Menschen mit ihren Ideen in der Sonne, in Freude, in Freundschaft, unter ihren Leuten.« So stand es auf dem Sockel des Denkmals, das die beiden ermordeten Richter auf einer Bank vor dem Justizpalast in Palermo zeigt. Unbekannte haben die Skulptur des Bildhauers Tommaso Domina nachts zerstört. Natürlich erklären sofort alle, dies sei eine »feige Geste« gegen das Ansehen »unserer Helden«. Doch von einem gemeinsamen Gedenken an die Mafia-Jäger der 90er Jahre kann keine Rede sein.

Der erste Teil der Gedenkfeiern für Paolo Borsellino, der am 19. Juli 1992 mit seinen Leidwächtern in die Luft gesprengt wurde, als er seine Mutter besuchte, fand am Sonnabend statt. Verwandte des Richters, Kollegen und Vertreter der Anti-Mafia-Bewegung hatten sich in Palermo getroffen. Viele junge Menschen schwenkten ein rotes Heft. Damit wollten sie daran erinnern, dass man bis heute nicht weiß, wer eigentlich hinter dem Mord stand. Das rote Heft ist ein Symbol für das Notizbuch Borsellinos, das noch am Tatort verschwand: Es wurde offenbar von einem Geheimdienstler eingesteckt. Was stand in diesem Notizbuch und wer wollte, dass es niemand liest? Das ist nur eine der offenen Fragen.

Rita Borsellino, die Schwester des Richters, hat das Gefühl, dass in den vergangenen 18 Jahren keine Fortschritte gemacht wurden. »Der augenblickliche Moment ist noch schlimmer als die Lage 1992. Damals wussten wir, wer die Freunde und wer die Feinde sind. Natürlich mit der gebotenen Vorsicht wusste man, wem man vertrauen kann«, sagte sie am Sonnabend. »Heute ist das nicht mehr so. Wir wissen nur, dass wir praktisch niemandem trauen können. Jahrelang wurden uns Lügen erzählt, die man als Wahrheiten dargeboten hat. Bisher sind nur kleine Fetzen Wahrheit ans Licht gekommen, aber die ganze Wahrheit ist noch weit entfernt.«

Das Andenken an die ermordeten Richter spaltet auch die heutige Politik. So ist in der Regierungspartei »Volk der Freiheit« eine Debatte – besser: ein handfester Streit – darüber entbrannt, wer würdig ist, an dem Fackelumzug teilzunehmen, der für Montag in Palermo vorgesehen ist. Anhänger des Kammerpräsidenten Gianfranco Fini greifen offen die Mehrheit um Regierungschef Silvio Berlusconi an, die – so sagt der Abgeordnete Fabio Granata – wegen Mafia-Verbindungen verurteilte Politiker weiter verteidigt. Gemeint ist offensichtlich Berlusconis Vertrauter Marcello Dell'Utri. »Wir möchten«, sagt Granata unmissverständlich, »dass solche Leute nicht zu unserer Feier kommen«.

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