Werbung

Bilder aus Kairo und Zorn im Herzen

In Berlin lebende Ägypter protestieren seit Tagen gegen das Mubarak-Regime

Rund 500 Ägypter protestierten leidenschaftlich auf dem Kurfürstendamm.
Rund 500 Ägypter protestierten leidenschaftlich auf dem Kurfürstendamm.

Ein Jugendlicher kommt zur Demonstration auf den Adenauerplatz. Er läuft von einer Gruppe zur anderen. Seine braunen Augen sind weit aufgerissen, und er ruft wütend: »Ägypten will Demokratie!« Die Versammelten wiederholen im Chor. »Wir holen sie uns, heute oder nie.« Die blutigen Bilder aus Kairo tragen die Demonstranten auf Plakaten mit sich, sie haben die Toten nicht ausgespart. Der Aufstand ist blutig, und die in Berlin lebenden Ägypter sind zornig. Es sei die vierte Demonstration innerhalb einer Woche, erzählt der 18-Jährige später. Rami heißt er. Seine Stimme ist heiser. Seit Tagen ist der Gymnasiast der Einheizer auf den Demos.

In Berlin lebende Ägypter protestieren seit Tagen für den Regimewechsel in Kairo. Unter dem Motto »Freiheit für das ägyptische Volk« unterstützen sie den Aufstand am Nil. Auch gestern gingen in Kairo wieder Hunderttausende auf die Straße und riefen zum »Tag des Abgangs« auf. Das Rücktrittsultimatum der Protestbewegung an Präsident Husni Mubarak lief ab. Noch klammert sich der angezählte Präsident an die Macht, schickt seine gewalttätigen Anhänger in die Menge seiner Gegner.

»Es sind auch Deutsche unter uns«, ruft Rami durchs Megaphon und stimmt wieder einen Chor auf Deutsch an. Große Teile der arabischen Welt unterstützen die Revolution, ist sich Nabil Rachid sicher. Der Leiter der arabischen Gemeinde in Berlin ist ein hoch aufgewachsener Mann. Er steht etwas abseits der Demonstration, wo es weniger laut und hitzig ist. »Nach dem Ende des Freitagsgebetes kommen sicher noch mehr Leute«, hofft er. Noch sind es nicht die 1500 Demonstranten, welche die Veranstalter angemeldet haben, sondern nur ein paar Hundert.

»Die Protestierer auf dem Adenauerplatz eint der Wille, den Despoten Mubarak mitsamt seiner Führungsriege abzuschütteln«, erklärt Eva Braun. Auch sie ist schon seit Tagen auf der Straße. Ihr ägyptischer Mann schnappt sich das Megaphon und ruft irgendetwas auf Arabisch, was die Menge willig wiederholt. Es tut ihnen sichtlich gut, ihre Wut herauszuschreien. Das schafft eine Gemeinschaft.

Kairo ist vier Flugstunden entfernt, aber keiner von den Demonstranten in Berlin wird nach Ägypten fliegen, um an dem Aufstand gegen Mubarak teilzunehmen. Das Auswärtige Amt rät unverändert von Reisen nach Ägypten ab.

»Die ägyptische Gemeinde in Berlin ist klein«, meint Eva Braun. Das Regime lasse auch niemanden heraus. Die 56-Jährige ist mit schwarzem Kopftuch und schwarzen Mantel bekleidet. Sie war in den vergangenen Jahren immer wieder in Ägypten, die Familie ihres Mannes lebt etwas außerhalb von Kairo. Dort hat sie oft die Willkür des Mubarak-Regimes gespürt. Immer wieder habe sie erlebt, wie Leute auf der Straße verhaftet wurden. Einmal saß sie in einem Taxi, als dem Fahrer bei einer Kontrolle von Sicherheitsleuten das Auto einfach weggenommen worden sei. Deutsche Touristen erlebten solche Vorfälle nicht. »Die schauen sich die Pyramiden an oder das Rote Meer.« Touristen aus dem Westen würden hofiert, sagt sie.

Eva Braun hält über das Telefon Kontakt zur Familie nach Ägypten, und sie sitzt zur Zeit unentwegt vor dem Fernseher. Über Satellit empfängt sie Dutzende arabische Sender. Heute ist sie wieder auf der Straße. Die Exil-Ägypter demonstrieren erneut und ziehen um 14 Uhr vom Brandenburger Tor zur ägyptischen Botschaft in der Nähe des Potsdamer Platzes.

»Im Eingang der Botschaft hängt ein riesiger Teppich mit Mubarak Porträt. Handgeknüpft. Wie in einem Königspalast.« Ihr Mann musste sich dort einmal einen Stempel für den Pass abholen, der bestätigt, dass er den Wehrdienst abgeleistet habe. »Den Stempel würde es nur in Kairo geben, haben sie ihm gesagt.« Eva Braun schüttelt den Kopf.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.