Radelnder Sportreporter

Der DDR-Journalist Klaus Huhn berichtet über sein Leben

  • Hans Rehfeldt
  • Lesedauer: 3 Min.

Älteren ND-Lesern ist er unter dem Namen Klaus Ullrich besser bekannt, dem Pseudonym, mit dem er seine Beiträge meistens kennzeichnete. Klaus Huhn war von Anfang an beim ND, hat schon für die erste Ausgabe vom 23. April 1946 geschrieben. Er entwickelte sich nicht nur zu einem exzellenten Sportreporter, sondern war auch ein Organisator von Sportereignissen. Der Leiter der Sportredaktion des »Neuen Deutschland« war maßgeblich daran beteiligt, die wohl allen DDR-Bürgern unvergesslichen Friedensfahrten zu organisieren, das größten Amateurradrennen der Welt, das einen Täve Schur hervorbrachte, den jeder hierzulande kennt. Hunderttausende säumten die Straßen, wenn die Friedensfahrer alljährlich im Mai auf Tour gingen und für Freundschaft mit unseren Nachbarvölkern warben. Die Leistungen von Klaus Huhn fanden Anerkennung in aller Welt, so dass er zum Vizepräsidenten des europäischen Sportjournalistenverbandes gewählt wurde. Eine Funktion, die er bis 1993 ausübte.

Das Buch mit dem neugierig machenden Titel »Auch dem Papst half ich mal aus der Klemme«, Untertitel »Episoden eines bewegten Lebens«, ist tatsächlich auf viele kurze Episoden begrenzt; es sind also keine Memoiren. Die meisten dieser Episoden vermitteln mit erstaunlichem Erinnerungsvermögen des Autors, wie die Bonner Regierung – und zwar während der ganzen Zeit der Existenz der DDR – keine Mittel scheute, um das Ansehen der Sportler des kleinen ostdeutschen Staates bei großen internationalen Sportveranstaltungen zu schädigen, ja ihren Antritt möglichst unmöglich zu machen. Hier ging es nicht um »Brüder und Schwestern aus dem Osten«, sondern knallhart um den Alleinvertretungsanspruch und später um Image-Konkurrenz.

Das Buch vermittelt eingangs den Eindruck, als ob das Leben des Autors hauptsächlich aus Reisen ins Ausland bestand. Dies jedoch verdankte sich der Tatsache, dass die DDR-Sportler in der internationalen Arena, trotz pausenloser Bonner Störversuche, zu hohem Ansehen kamen. Was gab es da nicht alles an hinterhältigen Behauptungen westdeutscher Funktionäre. Erinnert wird hier beispielsweise an die angeblich angewärmten Schlittenkufen unserer Wintersportler.

Der Bogen der lesenswerten Episoden reicht bis zur Vertreibung aus seiner Wohnung in Kleinmachnow durch den westdeutschen Alteigentümer, der 1948 als Säugling im Kinderwagen in den Westen gekommen war und nun seine Ansprüche geltend machte. Mehr als 80 Prozent aller Hausbewohner von Kleinmachnow wurden mit derartigen Ansprüchen beim »Einmarsch des Rechtsstaates« konfrontiert. Klaus Huhn zitiert Bürgermeister Klaus Nitzsche mit der Bemerkung, dies sei so gewesen, als ob jemand in einer alten Zigarrenkiste die Blaue Mauritius gefunden hätte.

Schließlich gilt ein Kapitel der Gründung des kleinen Spotless-Verlages, den der Autor gemeinsam mit seiner Frau Erika und einer ehemaligen Lektorin des Berliner Dietz-Verlages ins Leben gerufen hatte, um die Schandtaten des Rechtsstaates nach der würdelosen Unterwerfung der DDR publik zu machen und ins Abseits gestellten DDR-Schriftstellern das Wort zu erteilen. Mit viel Mühe gelang dieses Unternehmen, das mit arroganter Gehässigkeit in den bürgerlichen Medien als »Nische für SED-Hofpoeten« diffamiert worden ist. Spotless wurde zu einem Erfolg. Die Edition ist – auch aus Altersgründen des Verlegers – von der Eulenspiegel Verlagsgruppe übernommen worden und wird weitergeführt.

Am Schluss schreibt Klaus Huhn, dass er sich nie bemüht habe, durch Gefälligkeiten voranzukommen. Das ist glaubwürdig. Der letzte Satz lautet: »Für die Zeit, die mir noch bleibt, werde ich diesem Grundsatz wohl treu bleiben und weiter auf die eigene Kraft setzen!«

Klaus Huhn: Auch dem Papst half ich mal aus der Klemme. Episoden eines bewegten Lebens. Edition Ost, Berlin 2011. 368 S., br., 19,95 €.

Abonniere das »nd«
Linkssein ist kompliziert.
Wir behalten den Überblick!

Mit unserem Digital-Aktionsabo kannst Du alle Ausgaben von »nd« digital (nd.App oder nd.Epaper) für wenig Geld zu Hause oder unterwegs lesen.
Jetzt abonnieren!

Das »nd« bleibt gefährdet

Mit deiner Hilfe hat sich das »nd« zukunftsfähig aufgestellt. Dafür sagen wir danke. Und trotzdem haben wir schlechte Nachrichten. In Zeiten wie diesen bleibt eine linke Zeitung wie unsere gefährdet. Auch wenn die wirtschaftliche Entwicklung nach oben zeigt, besteht eine niedrige, sechsstellige Lücke zum Jahresende. Dein Beitrag ermöglicht uns zu recherchieren, zu schreiben und zu publizieren. Zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit deiner Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Sei Teil der solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.