Dauerbrenner Bildung

Für Erziehung werden mehr Finanzen aufgewendet, Probleme gibt es trotzdem

  • Sarah Liebigt
  • Lesedauer: 4 Min.
Was kostet Berlin? Im Bereich Bildung kann Rot-Rot in Berlin auf positive Entwicklungen zurückblicken. Die Abschaffung der Hauptschulen und das Vorantreiben des gemeinschaftlichen Lernens sind Beispiele dafür. Auch in der frühkindlichen Erziehung nimmt Berlin im bundesweiten Vergleich eine führende Rolle ein. Einwandfrei läuft es in den Bildungseinrichtungen jedoch keineswegs. Mehr Lehrer, bessere Schulgebäude und mehr Mitspracherecht, fordern daher die »Betroffenen«. Am 10. September rufen GEW, Schüler und Lehrer gemeinsam zu einer Demonstration am Alexanderplatz auf. Die Arbeitsbedingungen der PädagogInnen seien die Lernbedingungen der Kinder und SchülerInnen. Sie müssten verbessert werden, fordern die verschiedenen Initiativen.
Andauerndes Brennpunktthema: Schulbildung.
Andauerndes Brennpunktthema: Schulbildung.

709 öffentliche Schulen mit 26 118 Lehrerposten, 1182 Neueinstellungen zum laufenden Schuljahr, 321 740 Schülern und Schülerinnen an allgemeinbildenden Schulen. 22,1 Milliarden Euro bis 2015, 15,6 Milliarden von 2004 bis 2011, 5800 Euro pro Kopf und Jahr: Berlins Schullandschaft lässt sich in Zahlen gut zusammenfassen.

22,1 Milliarden Euro sollen bis 2015 für das Personal an den Integrierten Sekundarschulen (ISS) ausgegeben werden. 15,6 Milliarden gab das Land Berlin im genannten Zeitraum für den Bereich Schule ganz allgemein aus, 5600 Euro im Jahr 2007 pro SchülerIn. Bundesweit wurde mit 6000 Euro nur in Hamburg und Thüringen mehr ausgegeben.

Der rot-rote Senat antwortet gern mit derlei Zahlen, wenn es darum geht, in Sachen Bildungspolitik eine Bilanz zu ziehen. Mit Statistiken, die eine positive Entwicklung der Berliner Bildungslandschaft belegen sollen, reagiert er auch auf Kritik durch die »Betroffenen« dieser Bildungspolitik. Wann immer sich Schüler und Schülerinnen, Eltern und Lehrkräfte zu Wort melden, brennt es an allen Fronten.

Denn kaum ein anderes Politikfeld scheint derart unterschiedlich wahrgenommen zu werden wie das der Bildung in Berlin. Wo der Senat positive Zahlen liefert, kontern die Verbände mit konkreten Problemen an diversen Schulen. Wo der Senat eine durchschnittliche Lehrerversorgung mit 100 Prozent attestiert, zählt die GEW hundert fehlende Pädagogen. »Es gibt Schulen, an denen bis zu fünf Lehrkräfte fehlen«, so der GEW-Vorsitzende Hartmut Schurig.

Ein besonders harter Kritiker des Senats: der Landeselternausschuss (LEA). Der schickte über Wochen hinweg rote Karten an den Senat, um auf Missstände aufmerksam zu machen. Baustellen auf dem Schulgelände, ungenügend und schlecht ausgestattete Klassenräume, Lehrermangel, dreckige, unsanierte Schulklos ... – die Liste der Vorwürfe ist lang. »Kann man sich in der Otto-Braun-Straße noch vorstellen, wie es im Schulalltag aussieht«, fragt der LEA.

»An der Schule meiner Tochter fällt regelmäßig der Physikunterricht aus, weil Fachlehrer fehlen oder wegen Krankheit wochenlang ausfallen – und der Fachunterricht für die jüngeren Schüler und für den Abiturjahrgang als wichtiger gilt«, sagt Katja R., deren Tochter die 11. Klasse eines Gymnasiums in Pankow besucht. Wo Fachlehrer fehlen, müssen mitunter Prioritäten gesetzt werden, die auf Unverständnis stoßen.

Seit 2005 hat Berlin kontinuierlich mehr Geld in den Bereich Schule investiert. Von 1,7 Milliarden im Jahr 2005 sind die Zuwendungen für die Bildung bis auf 2,1 Milliarden angehoben worden. Insgesamt sind für die öffentliche Bildung im Jahr 2007 4,08 Milliarden Euro ausgegeben worden, rund die Hälfte der Bildungsausgaben für allgemeinbildende und berufliche Schulen. Die Ausgaben für die Bildungseinrichtungen setzen sich aus Aufwendungen für Personal, Sachaufwendungen und Investitionsausgaben zusammen.

Baumaßnahmen, die unter anderem im Rahmen der Schulstrukturreform nötig wurden, wurden beispielsweise aus dem Konjunkturpaket II finanziert. Gesamtvolumen: 196 Millionen Euro. € Insgesamt wurden aus dem Programm allein 102 Maßnahmen in Gesamthöhe von 153 Millionen Euro an allgemeinbildenden öffentlichen Schulen gefördert. »Wir sind auf dem richtigen Weg und müssen in gemeinsamer Anstrengung die Sanierung der Schulgebäude weiter vorantreiben«, so Staatssekretärin Claudia Zinke.

Die zahllosen einzelnen Probleme, die GEW, LEA und LSA (Landesschülerausschuss) aufzuzählen nicht müde werden, bestehen mitunter schon seit Jahren, sie sind teilweise durch die Schulstrukturreform verschärft worden. Zusammengefasst ergeben sie kein gutes Bild der Berliner Schullandschaft. Noch-Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) hinterlässt mit Ende der Legislaturperiode die neue ISS, hat die Hauptschule abgeschafft und sein Motto, »der Berliner Weg wird Schule machen« nie aufgegeben. Sein/e Nachfolger/in wird sich unter anderem mit einer zwischen Gymnasien und den ISS zerstrittenen Bildungslandschaft beschäftigen müssen – und vermutlich ebenfalls wieder rote Karten sammeln.


Das sagen die Parteien:

SPD:
Schulen als Ort ganzheitlichen Lernens ausgebaut. Bessere personelle

Ausstattung der Schulen trotz angespannter Haushaltslage. Duale Berufsausbildung zur Sicherung des qualifizierten Nachwuchses. Mit der ISS jeden Jugendlichen optimal fördern.

CDU:
Freiwerdende Mittel u.a. in die Sanierung der Schulen und Kindertagesstätten investieren. Unterrichtsausfall durch die Besetzung offener Stellen und die Einstellung zusätzlicher Lehrer beenden. Neues, individuelles Lehrerarbeitszeitmodell. Ein Verwaltungsdirektor an jeder Schule. Verbeamtung wieder einführen.

LINKE:
Ziel bleibt die Gemeinschaftsschule als »Eine Schule für alle«. ISS können zu attraktiver Alternative zum Gymnasium werden. Individuelle Förderung der SchülerInnen. Mitbestimmung für SchülerInnen und Eltern. Keine Bundeswehrwerbung an der Schule. Tarifliche Absicherung der höheren Eingruppierung der Lehrkräfte.

Grüne:
Bildung ist Länderaufgabe. Mehr Freiheit für Bildungseinrichtungen. Reformen evaluieren und ggf. anpassen. Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss senken. Ganztagsschule soll in Berlin Standard werden. Praxis- und Berufsbezogene Leistungen als gleichwertig zu klassischen Bildungsinhalten anerkennen.

FDP:
Bildung als gesamtstaatliche Aufgabe sehen. Sprachtest für Dreijährige. Trägerunabhängige Schulfinanzierung mit Schulgutscheinen. Schulen sollen eigenverantwortlich über ihren Haushalt entscheiden. Freie Schulwahl für fairen Wettbewerb. Gymnasien dürfen nicht ausbluten. Wegzug der Lehrkräfte stoppen. SL

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