Wahlkampagne statt Armenhilfe
Brasiliens Sportminister unter Korruptionsverdacht
In dunklem Anzug, blauer Krawatte und mit ernster Miene trat Brasiliens Sportminister Orlando Silva von der Kommunistischen Partei (PCdoB) am Dienstag vor die Abgeordnetenkammer. »Das ist eine falsche Geschichte, basierend auf Lügen«, verteidigte er sich während der Anhörung. Es gäbe keine Beweise gegen ihn. Er fühle sich an die Nürnberger Prozesse erinnert; das Ganze grenze an Faschismus.
Harter Tobak, geht es doch in seinem Fall nicht um Verbrechen gegen die Menschlichkeit sondern den Vorwurf persönlicher Bereicherung. Korruption also - wieder einmal. In den vergangenen Monaten haben bereits fünf Minister der Regierung Dilma Rousseff ihren Hut nehmen müssen, vier davon wegen Korruption. Doch dieser Fall wirkt über die Grenzen Brasiliens hinaus. Das Land ist Ausrichter der Fußball-WM 2014 und der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro; der Sportminister ist eine der zentralen Figuren.
Die Wochenzeitschrift »Veja« hatte Ende vergangener Woche Beschuldigungen des Militärpolizisten und früheren Parteikollegen Silvas, João Dias Ferreira, veröffentlicht. Demnach hätten Parteimitglieder, angeführt vom Minister selbst, ein Netz illegaler Finanzierung durch das Programm »Segundo Tiempo« geschaffen, ein Förderprogramm für Kinder und Jugendliche armer Familien. Statt für Sportmaterialien wurde das Geld für Wahlkampagnen der PCdoB abgezweigt. Die nachsichtige Haltung der damaligen Regierung Lula begünstigte solch korrupte Netzwerke .
Dias Ferreira war im April 2010 wegen des Verdachts der Unterschlagung verhaftet worden. Er gab an, Minister Silva habe ihm im März 2008 eine Vereinbarung vorgeschlagen, nach der weder die Kontrollgremien noch die Medien von den Unregelmäßigkeiten bei »Segundo Tiempo« Wind bekommen sollten. Der Minister behauptet, der Polizist habe sich gegen ihn gewandt, weil das Ministerium Dias Ferreira durch den Rechnungshof überprüfen ließ.
Brasiliens Präsidentin Rousseff vermied bisher eine Stellungnahme, denn die Situation ist delikat. Silva wäre bereits der fünfte Minister seit ihrem Amtsantritt zu Jahresbeginn, der wegen Korruption ausscheidet. Die Abkommen mit Nichtregierungsorganisationen, »Segundo Tiempo« betreibend, bezeichnete sie als »fragil« und bemängelte »fehlende Kontrolle«.
Auch der Weltfußballverband zeigt sich besorgt. Ein FIFA-Vertreter meinte, die Affäre »könnte zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen.« Der Verband befürchtet, dass der Eklat um den Minister zu weiteren Verzögerungen bei den Gesprächen um das WM-Gesetz (Lei Geral da Copa) führt. Dieses regelt die Beziehungen zwischen Gastgeberland und FIFA sowie organisatorische Aspekte während der WM. Es geht um Eintrittspreise, Alkoholausschank und Piraterie. Die FIFA verlangt einige Änderungen im Gesetz, was Brasilien als Einmischung in innere Angelegenheiten ablehnt. Im Zentrum steht die Frage, inwiefern nationale Gesetze nur für die Zeit der WM verändert oder gar außer Kraft gesetzt werden.
Ohnehin waren die Beziehungen zwischen brasilianischer Regierung und Weltfußballverband zuletzt alles andere als störungsfrei. Die FIFA bemängelte wiederholt Verzögerungen beim Aus- und Neubau der Stadien sowie der Infrastruktur. Nun eröffnete die Bundespolizei auch noch ein offizielles Verfahren gegen Brasiliens Fußballverbands-Präsidenten Ricardo Teixeira. Es geht - na klar - um Korruptionsvorwürfe.
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