Alles bald fertig - koste es, was es wolle
In genau zwei Jahren werden in Sotschi die ersten Medaillen der Olympischen Winterspiele 2014 vergeben
Der neue Flughafen ist gebaut, der neue Bahnhof zu 70 Prozent. Das Eissportzentrum und die Hochhäuser des Olympischen Dorfes sollen im Sommer fertiggestellt werden. Mit der Montage der Seilbahnen, die zu den alpinen Wettkampfstätten des neuen Wintersportzentrums Rosa Chutor führen, wurde ebenfalls schon begonnen. Die meisten Pisten und Loipen, Rodelbahnen und Schanzen sind fertig. In den kommenden zwei Monaten werden hier russische Meisterschaften der alpinen und nordischen Ski- sowie der Snowboardfahrer ausgetragen. Am Samstag steigt die Weltcup-Premiere mit dem Abfahrtslauf der Männer. Die einheimischen Rennläufer durften bereits vorher testen und waren voll des Lobes: Die Pisten gehörten zu den besten Europas, schwärmten sie.
Weniger zufrieden äußerten sich Trainer und Aktive über die Langlaufloipen. Das Gefälle sei teilweise sehr stark, Läufer ohne alpine Erfahrung würden vor große Probleme gestellt, rügte etwa der Vizepräsident des Biathlonverbandes, Wadim Melichow.
Bislang läuft alles nach Plan, an mehreren Stellen wird er sogar vorfristig erfüllt. Dabei war die Startphase wenig ermutigend: Vermüllte Strände, Stadtviertel ohne Kanalisation, ein anfälliges Stromnetz, überfüllte Busse auf holprigen Straßen und ein verträumter Flugplatz, nicht im mindesten gerüstet für den Ansturm von mehreren Millionen Touristen. So sah die »Perle der kaukasischen Schwarzmeerküste«, wie Sotschi sich in rührend unbeholfener Eigenwerbung feierte, vor dem ersten Spatenstich für Olympia im Jahr 2008 aus.
Millionen Kubikmeter Erdreich wurden bewegt. Und längst haben die futuristisch anmutenden Computersimulationen Gestalt angenommen. Elektrisch betriebene Schnellbahnen und Gebäude mit Barrierefreiheit - ein Wort, das die meisten Bewohner Sotschis vorher gar nicht kannten - gibt es jetzt. Abstriche werden am Prestigeprojekt nicht gemacht, koste es, was es wolle. Derzeit ist von mehr als 24 Milliarden Euro die Rede. Rekord für Winterspiele.
Passend dazu kritisierte Russlands Rechnungshofchef Sergej Stepaschin gestern die ausufernde Korruption. »Das muss man bekämpfen und konsequent bestrafen«, sagte er der Tageszeitung »Sport Express«. Korruption, Zwangsumsiedlungen, die nahe Grenze zu Georgiens abtrünniger Region Abchasien und Schäden für die Umwelt in unberührten Bergregionen hatten von Anfang an für massive Kritik an Sotschi als Austragungsort gesorgt.
Immerhin hatten sich die Bauherren im März 2011 dazu verpflichtet die UNESCO-Empfehlungen zum Umweltschutz einzuhalten. Umweltaktivisten räumten zwar Fortschritte ein, die Maßnahmen gehen ihnen jedoch nach wie vor nicht weit genug.
Ein weiteres Problem hat bislang kaum Proteste hervorgerufen: Die Wettkämpfe in den alpinen Disziplinen finden dort statt, wo sich 1864 nach dem Großen Kaukasuskrieg Tausende kriegsgefangene Tscherkessen - die Ureinwohner der Region - in eine Schlucht stürzten, um der Deportation ins Osmanische Reich zu entgehen. Georgiens Parlament erkannte die Tragödie 2011 als Völkermord an. Die 150-Jahrfeier fällt mit der Eröffnung der Spiele zusammen. Und Russland plant wahrhaftig parallel die Wiederholung der Siegesparade. Mit historischen Uniformen und Waffen am Schauplatz des Dramas. Auf Proteste der heute über die ganze Welt verstreuten Tscherkessen reagierten bisher nicht einmal internationale Menschenrechtsgruppen.
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