Immer im Dienst
Krankenkassenstudie findet zu viel Psychostress bei Freien
Mit der allseits geforderten Flexibilität in der modernen Arbeitswelt ist es so eine Sache. Heute in Rostock, morgen in Mailand, mal wochenlang 12 Stunden am Tag rackern und dann wieder einen Monat ohne Auftrag sein oder auch Sonntags noch diesen oder jenen anrufen zu müssen - das macht auf Dauer Probleme.
Knapp ein Drittel der Erwerbstätigen bekommt häufig dienstliche E-Mails oder Anrufe außerhalb der Arbeitszeit. Ebenfalls ein Drittel macht Überstunden, 12 Prozent nehmen Arbeit mit nach Hause, zehn Prozent arbeiten an Sonn- und Feiertagen. Jeder achte Beschäftigte sagte in der repräsentativen Befragung des Wissenschaftlichen Institutes der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) von 2000 Menschen aber auch, dass er mit der zunehmenden Verschmelzung von Arbeits- und Privatsphäre Probleme habe. Sie könnten nicht mehr abschalten, bekämen Kopfschmerzen, seien niedergeschlagen. Erschöpfung, Überlastung, Lustlosigkeit und Ausgebranntsein nennt der Herausgeber des Reports, Helmut Schröder, als deutliche Signale dafür, dass die neue Arbeitswelt zahlreiche psychische Belastungen mit sich bringe, auf die man in der Gesellschaft reagieren müsse. Das gelte besonders für freie Mitarbeiter oder Soloselbstständige, die nicht von der Unfallverhütung, den Rückenschulen oder Stressbewältigungsprogrammen in den Betrieben profitieren könnten. Hier seien neue Ideen zur Gesundheitsprävention im Internet oder den Kommunen gefragt, zumal diese Gruppe der Beschäftigten dazu neige, sich selbst zu überfordern. Die Wissenschaft hat dafür den Begriff »interessierte Selbstgefährdung« erfunden - ganz so, als gebe es davon auch eine uninteressierte Variante.
Bereits ein Viertel der 41 Millionen Erwerbstätigen in der Bundesrepublik arbeitet heute in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Dazu zählen etwa 4,8 Millionen geringfügig Beschäftigte; 4,2 Millionen Soloselbstständige oder 900 000 Leiharbeiter. Sie haben ein besonders großes Risiko, psychisch krank zu werden, denn parallel zur zunehmend flexiblen Arbeitswelt habe die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen stetig zugenommen, so Schröder. Sie »sind seit 1994 mehr oder weniger kontinuierlich um 120 Prozent angestiegen«, erklärte er. Zwar seien psychische Erkrankungen nicht so häufig wie Infekte oder Skelettbeschwerden, aber sie dauerten mit durchschnittlich 22,5 Tagen pro Fall mehr als doppelt so lange wie andere krankheitsbedingte Fehlzeiten.
Auch die von Arbeitnehmern immer häufiger geforderte räumliche Mobilität hat ihre Schattenseiten. So belegt die Fehlzeitenuntersuchung, dass sowohl die Fehltage als auch die Anzahl der Fälle mit der Länge des Anfahrtsweges zur Arbeit ansteigen. Pendler großer Strecken haben ein um 20 Prozent höheres Risiko, psychische Probleme zu bekommen. Allein 7,5 Millionen AOK-Versicherte fahren bis zu 30 Kilometer zur Arbeit und verursachen mehr als eine halbe Million Fehltage wegen psychischer Krankheiten. Diese Zahl steigt mit der Entfernung, die zum Arbeitsplatz zurück gelegt werden muss.
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