Die »Erfolge« der Agenda 2010
Statistisches Bundesamt registriert deutliche Ausweitung des Niedriglohnsektors
Immer mehr abhängig Beschäftigter befinden sich in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Parallel dazu steigt die Quote derer, die dem Niedriglohnsektor zuzuordnen sind. Das geht aus der Erhebung des Statistischen Bundesamtes (Destatis) zur Struktur der Arbeitsverdienste im Jahr 2010 hervor, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. Datengrundlage ist ein Mikrozensus, der die Arbeits- und Entlohnungsverhältnisse von 1,9 Millionen Beschäftigten erfasst. Daten über Betriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern, über Landwirtschaft und Fischfang sowie über Solo-Scheinselbstständige fanden keinen Eingang in das Zahlenwerk.
Als »atypisch« gelten Arbeitsverhältnisse, die befristet sind und/oder in Teilzeit mit einer Wochenarbeitszeit von unter 20 Stunden ausgeübt werden. Auch Zeitarbeit und Minijobs fallen unter diese Definition. Laut Destatis gehörten im Erhebungsjahr 7,8 Millionen Menschen, das entspricht 25,4 Prozent aller Erwerbstätigen, einer dieser Kategorien an. Das ist gegenüber 2001 eine Steigerung um ein Viertel. Erfasst wurden in der Statistik nur Haupterwerbsverhältnisse; Minijobs als Zuverdienst regulär Beschäftigter, Studenten oder Rentner wurden nicht berücksichtigt.
Prekär Beschäftigte findet man besonders häufig in Berufsfeldern mit geringen Qualifikationsanforderungen und in einigen Dienstleistungsbereichen. So beträgt die Quote beispielsweise bei Verkäuferinnen 39,7 Prozent. Doch auch bei Gesundheitsfachkräften und in Sozialberufen sind es 21 Prozent. Selbst bei Tätigkeiten, die einen Hochschulabschluss voraussetzen, ist fast jedes fünfte Arbeitsverhältnis (18,5 Prozent) atypisch.
Diese Prekarisierung der Arbeitswelt wirkt sich natürlich auch auf die Entlohnung aus. 20,6 Prozent aller Beschäftigten waren 2010 im Niedriglohnsektor tätig, 2006 waren es noch 18,7 Prozent. Bei atypischen Jobs betrug diese Quote sogar 49,8 Prozent, bei Normalarbeitsverhältnissen, also unbefristeter Beschäftigung mit mehr als 20 Wochenstunden, hingegen nur 10,8 Prozent. Auch die zunehmende Tarifflucht hat ihre Spuren hinterlassen. In nicht tarifgebundenen Betrieben werden 31 Prozent aller Beschäftigten mit Niedriglöhnen abgespeist. In Unternehmen und Branchen mit regulären Vergütungsvereinbarungen sind es dagegen nur 10,8 Prozent.
Für die Statistiker beginnt dieser Bereich bei Stundenvergütungen unter 10,36 Euro brutto. Das entspricht zwei Drittel der mittleren Stundenverdienste aller Beschäftigten. Destatis-Präsident Roderich Egeler betonte, dass diese Berechnung international gebräuchlich sei.
In einigen Wirtschaftszweigen sind Niedriglöhne eher die Regel als die Ausnahme und zwar unabhängig von der Art des Beschäftigungsverhältnisses. Im Taxigewerbe, in Friseur- und Kosmetiksalons, in Wäschereien, Kinos, Gaststätten, Hotels und in der Gebäude-, Anlagen- und Straßenreinigung erhalten zwischen 73,5 und 87 Prozent der Beschäftigten Stundenvergütungen unter dem ermittelten Grenzwert. Doch auch Einzelhandel, Call Center, Zeitarbeit, Caterer und Kantinen kommen auf Niedriglöhnerquoten zwischen 64,5 und 68,9 Prozent. Von den 20 Branchen mit den höchsten Werten wiesen nur vier eine Tarifbindung für die Mehrheit der Beschäftigten auf.
Destatis-Chef Egeler verwies auch auf den unmittelbaren Zusammenhang zwischen atypischer Beschäftigung, Niedriglöhnen und drohender Altersarmut. So nutzten nur 6,2 Prozent der Geringverdiener die seit 2002 bestehende Möglichkeit der steuerlich geförderten Entgeltumwandlung zur betrieblichen Altersversorgung. Bei den Durchschnittsverdienern waren es dagegen 22,4 Prozent. Und unter jenen Beschäftigten, deren Stundenlöhne um mindestens ein Drittel über dem Durchschnitt liegen, investierten 2010 sogar 36,4 Prozent in diese Form der Zusatzrente.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.