Dieser Text ist Teil des nd-Archivs seit 1946.

Um die Inhalte, die in den Jahrgängen bis 2001 als gedrucktes Papier vorliegen, in eine digitalisierte Fassung zu übertragen, wurde eine automatische Text- und Layouterkennung eingesetzt. Je älter das Original, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass der automatische Erkennvorgang bei einzelnen Wörtern oder Absätzen auf Probleme stößt.

Es kann also vereinzelt vorkommen, dass Texte fehlerhaft sind.

Von DETLEF FRANKE

  • Lesedauer: 3 Min.

Wahrheit, die Wolfram Page verkünden kann. Mit jedem, der ausziehen will, wird ausführlich gesprochen. Doch nicht nur darüber...

Jemandem zu helfen ist gut, ihn zu lehren, sich selbst zu

helfen, ist besser.

ALMEDRO-Grundsatz

Montagnachmittag, 16 Uhr Sieben Frauen und Männer finden sich im Wohnzimmer ein, der „Ältestenrat“ von ALME-DRO. Hans hatte vier Therapien hinter sich, ehe er sich hier von seiner Drogen- und Medikamentensucht befreien konnte. Roland war dem Heroin verfallen. Einige Zeit handelte er damit, um sich Geld für den Stoff zu beschaffen. Das brachte ihn nach Moabit hinter Schloß und Riegel. Was er dort an Drogenszene erlebte, darüber ist er bis heute noch nicht hinweg. Aber das gehört nicht hierher Normalerweise wird in dieser Montagsrunde kaum über Vergangenes geredet, sondern über tägliche Belange des Hauses, persönliche Sorgen und Nöte. „Wir haben ein Gespür dafür, wenn jemand Probleme hat, sich mit irgendetwas rumschlägt, mit Dingen nicht klarkommt“, sagt Hans. „Wir gehen dann aufeinander zu, sprechen miteinander, re-

geln das unter uns.“ Diese Unter-uns hat, wenn man so will, demokratische Spielregeln hervorgebracht.

Keinerlei Drogen - keine Ge walt oder deren Androhung.

ALMEDRO-Grundsatz

Polizei kommt nicht ins Haus, das ist so vereinbart. Aber reden kann man über alles. Unter der Bezeichnung „Lichtkreise“ finden Gruppengespräche statt. Ein „Partnerkreis“ bezieht Angehörige, Freundinnen und Freunde ein. Inzwischen hat ALMEDRO seine internen Kreise verlassen und ist in öffentliche getreten. Mit der Kontakt- und Beratungsstelle, die sich vor gut zwei Jahren in der Herkomerstraße 4 etabliert hat, soll Dienst am Menschen geleistet werden. Zahlen sind in diesem Fall beredtes Beispiel: Vergangenes Jahr erfolgten mehr als 900 Beratungen und über 90 Informationsveranstaltungen an Schulen, Krankenhäusern und Jugendklubs.

Page: „Wir wollen keine Häuser, in denen vielleicht 500 Süchtige und mehr zusammenleben. Uns liegt daran, über das Land verstreut mehrere kleine Zellen zu schaffen, richtige ALMEDRO-Familien“

In Georgenthal, einem Dorf im Brandenburgischen, existiert seit fast einem Jahr eine

solche Zelle - der ALMEDRO-Hof. Zehn Frauen und Männer, die künftig suchtfrei leben möchten, wollen hier mit ihren Kindern seßhaft werden. Tiere haben sie schon, geschenkt von Nachbarn und dem Tierarzt des Kreises. Ein „landwirtschaftlicher Betrieb mit dynamisch-biologischem Anbau“ soll entstehen. Das umliegende Brachland ist elf Hektar groß. Es eignet sich für die Kleintierhaltung und chemiefreien Gemüseanbau.

Aus dem kleinen See und dem Stückchen Mischwald auf dem Anwesen kann eine Mini-Urlaubsidylle werden. Doch zunächst müssen Haupthaus, Stallungen und Nebengebäude hergerichtet werden. Erst danach kann man daran denken, eine Tischlerei aufzubauen. Einnahmen durch Holzarbeiten für die Bewohner der umliegenden Ortschaften sowie durch den Verkauf von selbst hergestelltem Spielzeug würden das Budget der Siedler aufbessern. Der ALMEDRO-Hof soll sich für das Land Brandenburg zu einer Stätte präventiver Arbeit im Kampf gegen die Sucht entwickeln.

Und Page hat schon wieder neue Pläne. Eine Ausbildung zum Altenpfleger will er anbieten. Weiterhin möchte er bald ein Haus für chronische Alkoholiker einrichten, mit der entsprechenden Pflege natürlich. Ein einst selbst Süchtiger ist süchtig geworden, Süchtigen zu helfen.

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.