Das Grauen in Grau
Zum Tode des Schauspielers Peter Fitz
Manchmal schien es, sein gesamtes künstlerisches Leben sei auf eine breit lächelnde oder auch schmal lauernde Graumeliertheit zugelaufen. Peter Fitz war ein Balancekünstler; seinen Gestalten sah man die Bemühung an, das Nervenleben möge ihnen nie entlarvend, beschämend aus den Bahnen schießen - das gab den Figuren gebändigte Glätte, scharfe Geradlinigkeit oder eine beinah bürokratisch durchsetzte Biederkeit.
Aber wo das besagte Nervenleben denn doch aus den Fugen der Ordnung geriet, wurde aus Fitz ein tobgefährlicher Kobold, ein Schreikrampf in den Schlotteranzügen berstender Wohlanständigkeit. Dieser Schauspieler konnte Burgen aus Seelenstaub errichten, das Spiel endete nicht selten als Grauen aus purem Grau.
Er war der alte Piccolomini in Peter Steins Berliner »Wallenstein«-Monument: Staatstreue, die über die Leiche des eigenen Sohnes zu gehen bereit ist. Er war Claus Peymanns »Nathan« in dessen Lessing-Inszenierung am Berliner Ensemble: Fitz leicht, in komödiantischer Unrast, die sich vor der stückgeschichtlich so lastenden Weisheit dieser Mahngestalt geradezu herauswindet.
Ebenfalls am BE hatte Thomas Langhoff vor Jahren Gerhart Hauptmanns »Michael Kramer« neu entworfen. Fitz wieder in der Titelgestalt. Ein Porträt des Mittelmaßes; da war ein Schatten und nannte sich Körper. Ein Maler, dieser Kramer, aber kein Künstler, eine Krämer-Seele; nichts war stark in diesem schwachen Leben; kein Menschenschoner, eher ein Ärmelschoner; ein Pusseliger, der brav die Stullen auspackt in der Nähe verführerischer Schönheit.
Auch bei Christoph Schlingensief an der Volksbühne wirkte er mit, in »Atta Atta - Die Kunst ist ausgebrochen«, ein Teletubbie-Campingplatz der chaotischen Selbstfindungen nach dem 11. September 2001. »Keine Schmerzen, keine Irritationen, keine Verpflichtungen mehr!, dafür ist Atta in den Turm gesprungen« - so wurde die neue Individualitäts-Verfassung gefeiert.
1931 in Kaiserslautern geboren, lernte Fitz sein Handwerk am Hamburger Schauspielhaus. Nach Stationen in Mainz, Osnabrück, Frankfurt am Main holte Peter Stein ihn 1970 an die Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer. Grandios 2001 sein Doktor West in Zadeks Ibsen-Meistersstück »Rosmersholm« am Wiener Akademietheater, neben Angela Winkler und Gert Voss: die Tugend als Inquisitionsprogramm. Der radikale Seelensucher Zadek hatte ganz neue Seiten in Fitz entdeckt, ihn in überraschend schillernde Gefilde gelockt - wo ein Lächeln Eiszeit anzeigte und noch das pastoralste Schweigen ein scharfes Gebiss trug.
Peter Fitz, seit Jahren ein Wanderer des Theaters, lange Zeit ein erfolgreicher Filmschauspieler, ist am Mittwoch im Alter von 81 Jahren in Berlin gestorben.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.