Druck bis zur Erschöpfung
Canan Ereks Tanz-Solo »TEZAT« in den Uferstudios
Ankara, Essen, Leipzig und Berlin sind Stationen der Tänzerin und Choreografin Canan Erek, die sich in ihrem neuen zweiteiligen Tanz-Solo-Projekt »TEZAT« (alttürkisch: Widerspruch) mit der Gegensätzlichkeit im Fühlen und Denken auseinandersetzt.
Aus zwei Metern Höhe verfolgen die Zuschauer im großen Uferstudio 1 jede Bewegungsnuance einer barfüßigen Frau mit geflochtenem Zopf im Pastellkleid. In langer Rückenansicht schiebt sich Canan Erek ruckartig aus der Mittelachse, ihr linkes Bein wagt einem Uhrzeiger gleich die Erkundung des nahen Raumes. Später wirft sie ein dickes Knäuel an langer Schnur diagonal in den Raum. Im synkopierten Rhythmus des Vor- und Zurücklaufens entwickelt sich ein erster Dialog. Dann liegt sie auf dem Rücken, verstärkt die eigenen Herztöne, in die sich Wellenbrecher mischen. Sie nimmt das »Schicksalsknäuel«, geht, rennt, dreht sich wie eine Hammerwerferin. Wer genau hinsieht, erkennt, dass sie aktiv und passiv zugleich agiert.
Dieses 2011 entwickelte Solo über persönliche Ambivalenzen und die Suche nach Harmonie hat die Performerin um einen halbstündigen neuen Teil erweitert, der von den gesellschaftskritischen Schriften des seit 2012 in Berlin lehrenden südkoreanischen Philosophen Byung-Chul Han inspiriert ist: »Müdigkeitsgesellschaft«, »Transparenzgesellschaft«, »Agonie des Eros«.
Die Tänzerin erscheint im schwarzen Hosenanzug, mit weißer Bluse, offenen Haaren, knallroten Lippen. Sie parliert mit den Zuschauern, dialogisiert, posiert mit dem Navigationsgerät. Total verplanter Alltag. Sie quasselt die immer gleichen Mantras. Hetzt verbal und räumlich von Projekt zu Projekt, wird getrieben und treibt andere gnadenlos durchs iPhone an. Noch mehr Mut zu körperlicher Expressivität, zu gestischer und stimmlicher Prägnanz wären dabei möglich gewesen.
Die Mega-Anforderungen an eine 24 Stunden verfügbare Geschäftsfrau und Mutter - vom Poweryoga am Morgen bis zum Übersee-Skypen nach Mitternacht - überlagern sich im Crescendo der Soundcollage. Leistungsdruck, der krank macht, Identität auslöscht. Canan Ereks Körper erschlafft. Herzflimmern mischt sich in das neurotische Zucken der Arme am Jackett. Zurück an den räumlichen Ausgangspunkt ihrer Erkundungen trifft sie auf das Knäuel. Meditative Zäsur als finale Selbstreflexion: Canan Erek rollt den Faden ab, die Füße tasten an der Wand entlang, sie steht, die Schnur fällt von ihrem Körper. Vorwärts zum Publikum gehend knotet sie den Faden, bis nichts bleibt als das erschöpfte depressive Leistungssubjekt ohne Gesicht. Ein verlorenes Ich mit einem verknoteten Gehirn in den Händen.
Weitere Vorstellungen am 29. und 30.1, jeweils 19.30 Uhr, im Uferstudio 1, Badstraße 41a, Wedding
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