»Ewiger Sommer« in Sotschi?
Forderung nach Abschaffung der russischen Zeitregelung
Das Internationale Olympische Komitee IOC würde Russlands Rückkehr zur Normalzeit »sehr positiv« werten, heißt es in einem Schreiben, das Dmitri Medwedjew dieser Tage zuging. Dieser ist als Regierungschef auch für die Regeln zuständig, nach denen russische Uhren zu ticken haben. Vor allem aber: Als Medwedjew Präsident war, verordnete er der Nation die ewige Sommerzeit. Als Europa im Herbst 2011 die Zeiger um eine Stunde zurückstellte, tickten russische Chronometer munter weiter.
Genau das droht bei den Olympischen Winterspielen im Februar 2014 in Sotschi zum Problem zu werden. Denn dank Medwedjew ist Russland im Winter der Zeit in den meisten Staaten Kontinentaleuropas um drei Stunden voraus. Zwei Stunden wie vorher aber hält das IOC für das Maximum dessen, was man TV-Sendern und deren Zuschauern zumuten darf. Größere Zeitunterschiede, fürchtet das IOC, würden sich bei Live-Übertragungen der Wettkämpfe extrem negativ auf die Einschaltquoten auswirken. Was die Herren der Ringe nicht sagten, wohl aber im Hinterkopf hatten: Je weniger vor der Glotze sitzen, desto geringer der so genannte Tausender-Kontaktpreis, den die Sender ihren Werbekunden berechnen dürfen. Und private Anbieter finanzieren sich ausschließlich über Werbung. Miese macht bei allgemeinem Desinteresse am Rangeln um Edelmetall allerdings auch das IOC selbst.
Entsprechend groß ist der Druck, den die Sportbürokraten auf Russland derzeit ausüben. Der höfliche Konjunktiv des Schreibens, aus dem die regierungsnahe »Iswestija« ausführlich zitierte, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich de facto um ein Ultimatum handelt. Die Entscheidung über die Rückkehr zur Normalzeit, heißt es dort, müsse bereits in der kommenden Woche erfolgen, damit die Sender genug zeitlichen Vorlauf für die Programmplanung haben, Allerletzter Termin ist Mitte Februar. Denn Ende kommenden Monats findet in Sotschi das World Broadcasters Meeting statt. Dort wird auch der endgültige Zeitplan für die Wettkämpfe bei den Spielen vorgestellt.
Kurz vor der IOC-Intervention hatten schon Lobbyisten russischer TV-Sender das Ministerium für Telekommunikation »bearbeitet«, sich für die Rückkehr zur Winterzeit stark zu machen. Macher wie Zuschauer, heißt es in einem Memorandum zum Thema, würden den Ministerialen »ewigen Dank« zukommen lassen, wenn diese die »ewige Sommerzeit« bereits vor den Spielen in Sotschi canceln. Der Grund: Wenn im Winter in Europa die Spiele der Champions League angepfiffen werden, ist es in Moskau schon 23:45 Uhr, hinter dem Ural noch später. Selbst hartgesottene Fußballfans liegen dann in Morpheus‘ Armen.
Auch Sportmuffel wollen den ewigen Sommer so schnell wie möglich abgeschafft sehen. Denn bereits Stalin manipulierte in den dreißiger Jahren die Uhren. Die amtliche Zeit war der astronomischen seither eine Stunde voraus. Jetzt hinkt die natürliche der Amtszeit um volle zwei Stunden hinterher. Im Winter jedenfalls. Im Dezember und im Januar es in Moskau daher gegen zehn Uhr früh noch so dunkel wie am Polarkreis;. Und das geht den meisten aufs Gemüt.
Zwar ließ Wladimir Putin schon im Wahlkampf durchblicken, das letzte Wort in Sachen Sommerzeit sei noch nicht gesprochen. Vor konkreten Fristen drückte er sich bisher jedoch - um Juniorpartner Medwedjew nicht zu verprellen. Bei Umfragen zum Thema, was sich ihnen in der Ära Medwedjew bleibend einprägte, nannten über 90 Prozent der Befragten den Sommerzeit-Ukas.
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