Die Spiele sind eröffnet
Sotschis Winterspiele beginnen mit einer beeindruckenden Show fürs Auge
Natürlich musste alles mit einem Armeechor beginnen. Russischer als das geht es ja kaum. Auch wenn die Truppe des Innenministeriums »Get Lucky« von Grammy-Abräumer Daft Punk interpretierte, und dabei ganz modern sein wollte, hätte es doch nur so gewirkt, wenn sie sich der Uniformen entledigt hätten. Doch der Freitagabend im Fischt-Olympiastadion sollte ein russischer werden, und dazu gehören nun mal uniformierte Chöre.
Noch bevor die Fernsehkameras die offizielle Feier in die Welt hinaussendeten, sollten auch die beiden Damen der Skandalband t.A.T.u. der Halle einheizen. 2011 hatten sich die beiden eigentlich getrennt, als auch der letzte Fan mit der Lolita-Lesben-Masche durch war. Nun, da alle vom Anti-Homosexuellen-Gesetz Russlands sprachen, war wohl der beste Moment für eine Reunion. Einen Kuss, der früher zum Standard gehörte, gab es diesmal aber natürlich nicht zu sehen.
Als es endlich richtig losging, flogen riesige Birkenwäldchen und Vulkane durchs Stadion. Die elfjährige Ljubow flog selbst fast bis zur Hallendecke. Herrliche Bilder, die wahrscheinlich nur die Journalisten entschlüsseln konnten, denen ein Erklärungsheft für all die Symbolik auf die Sitze gelegt wurde. So ist das bei Olympischen Eröffnungsfeiern.
Nur wenige applaudierten ihrem Präsidenten Wladimir Putin bei dessen Vorstellung. Queen Elizabeth hatte vor knapp zwei Jahren in London noch standing ovations bekommen. Aber die flog ja auch mit dem Fallschirm in James Bonds Armen ins Stadion ein. Das war Herrn Putin dann wohl doch zu kindisch.
Der Einmarsch der Athleten dauerte diesmal nur knapp eine Stunde lang und war so früh ins Programm integriert worden, dass die Sportler auch mal was vom Programm mitbekommen durften. Oft genug hatten sie stundenlang in zugigen Gängen herumstehen müssen und durften erst raus, wenn nur noch Eide und Reden gesprochen wurden.
Den größten Jubel (bis zum Einmarsch der Gastgeber natürlich) erhielt Antonio Jose Pardo Andretta, der Fahnenträger Venezuelas, der statt zu marschieren lieber zu tanzen begann. Ihm folgte Maria Höfl-Riesch und prompt wurde es wieder ruhig im Stadion. Vielleicht gefiel den Russen ja die Kleidung der Deutschen in den Regenbogenfarben nicht so sehr.
Es folgte ein Schnelldurchlauf durch Russlands Geschichte. Bunte Folkloretänze mit riesigen Luftspielzeugen, Seefahrer aus der Zarenzeit, eine tanzende Militärparade, Hatten sich die Briten 2012 hier und da noch in Selbstironie geübt, schien den Russen das eher fremd. Russland ist spitze. Das musste mal gesagt werden.
Immerhin flogen auch riesige Ausgaben von Hammer und Sichel unterm Hallendach hinweg. Ein stolzer Blick in die Vergangenheit, den es bei einer ähnlichen Feier in Deutschland wohl nie gegeben hätte.
Die Bildsprache blieb weiterhin beeindruckend. Riesige Säulen umrahmten eine ebenso riesige Ballettszene aus Leo Tolstois Krieg und Frieden. Tänzerinnen bildeten eine Friedenstaube aus Kostümen mit langen weißen Kordeln.
Dazu passend rief IOC-Präsident die Politiker der Welt dazu auf, ihre Konflikte (wohl vor allem die mit den Russen - doch bitte in direkten friedlichen Gesprächen auszutragen »und nicht auf dem Rücken dieser Athleten, Ihren besten Botschaftern.« Dafür gab es sogar Applaus, ebenso wie beim Satz, dass die Athleten im Dorf respektvoll miteinander umgehen sollten »ohne Diskriminierungen, aus welchem Grund auch immer«.
Es war ein Abend, der auf Schönheit setzte, nicht auf Überraschungen. Typisch russisch, eben. Die erste Kosmonautin der Welt, Walentina Tereschkowa durfte die Olympische Flagge mit ins Stadion tragen, Anna Netrebko die Hymne singen. Und schließlich entzündeten Russlands Sportstars der Vergangenheit, Irina Rodnina (Eiskunstlauf) und Wladislaw Tretjak (Eishockey), das Olympische Feuer.
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