Ein Deutscher auf Albaniens Thron

Kalenderblatt

  • Ralf Höller
  • Lesedauer: 2 Min.

Am 7. März 1914 lief in der albanischen Hafenstadt Durrës ein Dampfer ein. Tausende Schaulustige hatten sich am Ufer versammelt. Ihre Neugier galt Wilhelm Friedrich Heinrich Prinz zu Wied, in Neuwied geboren und aus einem der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands stammend. Der junge Staat existierte erst seit kurzem. Ein Jahr zuvor, nach dem zweiten Balkankrieg, hatte die Londoner Konferenz der europäischen Großmächte beschlossen, dem aufstrebenden Serbien einen Riegel vorzuschieben. Dieser hieß Albanien und bildete jahrhundertelang die ärmste Region des Osmanischen Reiches. Das Land war so rückständig, dass keiner der in London Versammelten dem Volk zugetraut hatte, sich selbst zu regieren. Man fahndete nach einem politisch ebenso ahnungs- wie arglosen Monarchen ohne Machtbereich, der naiv genug war, sich auf das Abenteuer Albanien einzulassen. Man fand den Prinzen zu Wied.

Wilhelm konnte als preußischer Kavallerieoffizier reiten und eine Parade zu Pferd abnehmen. Eine weitere günstige Voraussetzung zur Ausübung seiner Amtsgeschäfte war seine Religion. Als Protestant würde Wilhelm kaum in die Streitigkeiten römisch-katholischer, griechisch-orthodoxer und islamischer Parteien hineingezogen werden. Zum einen lebten Angehörige all dieser Konfessionen im Land und waren sich nicht grün. Zum anderen hatten neben Serbien auch Italien und Griechenland ein Auge auf Albanien geworfen, das jahrhundertelang von den Türken regiert wurde und von diesen gerne zurückerobert worden wäre.

Gleich bei seiner Ankunft erlitt Wilhelm die erste Blamage, als während des begeisterten Empfangs einige Kanonenschüsse Salut abgegeben wurden. Vor lauter Schreck fiel der Prinz über Bord und musste aus der Adria gefischt werden. Auch hernach bekleckerte er sich nicht mit Ruhm. »Arglos verfocht das Mitglied des deutschen Generalstabes ein ausgeprägtes Gefühl für Pflicht und Ehre, hatte aber keine Erfahrung mit balkanischen Intrigen und balkanischer Diplomatie«, bescheinigt der albanische Historiker Dardan Gashi dem deutschen Prinzen. »Von Anfang an verfing sich der Aristokrat, der die Verhältnisse in Albanien nicht persönlich kannte, im dicht gesponnenen Netz von Lügen, Propaganda und taktischen Schachzügen seiner zahlreichen Gegner.« Wenig überraschend war Wilhelms Albanienengagement am 3. September 1914 schon wieder Geschichte. Ralf Höller

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