Russenhass

Kalenderblatt

  • Karl-Heinz Gräfe
  • Lesedauer: 2 Min.

Am 20. Juni 1915 überreichten deutsche Professoren, Diplomaten und höhere Regierungsbeamte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg eine streng vertrauliche Petition. Sie enthielt die Kriegsziele gegenüber der Entente wie sie schon einen Monat zuvor im Kriegsmemorandum der sechs deutschen Wirtschaftsverbände nachzulesen waren. Zu Russland hieß es da u. a.: »An unserer Ostgrenze wächst in ungeheurem Maßstab ... die Bevölkerungsmasse des Russischen Reiches. Innert einer Generation wird eine Einwohnerschaft von 250 Millionen erreicht.« Das sei die größte Gefahr für die deutsche und europäische Zukunft. Deutschland brauche mehr Land, »das Russland abtreten muss«. Gedacht war nicht nur an das zur »Selbständigkeit emporstrebende Polentum« im Westen Russlands, sondern auch an das »alte seit 700 Jahren von Deutschen kultivierte Land der russischen Ostseeprovinzen ..., dessen fruchtbarer und dünnbesiedelter Boden ein zukunftsreiches Siedlungsgebiet darstellt und dessen Bevölkerung von Litauern, Letten und Esten ein gesicherter Stamm für die uns dringend nötigen Wanderarbeiter werden kann«. Diese »Ostgebiete« sollten in einem kommenden Friedensvertrag abgetrennt werden, forderten die deutschen Beamten im zweiten Jahr des Ersten Weltkrieges, denn nur so könne das russische Schwergewicht gemindert werden.

Als die Bolschewiki die kriegführenden Staaten und Völker am 7. November 1917 aufforderten, das Völkerschlachten zu beenden und einen demokratischen Frieden abzuschließen, ging Deutschland mit seinen Verbündeten darauf ein - nicht nur, um den Krieg im Westen doch noch zu gewinnen, sondern auch die Kriegsziele im Osten zu erreichen. In den Verhandlungen von Brest-Litowsk sah sich die Lenin-Regierung im Interesse der Erhaltung der jungen Sowjetmacht gezwungen, einem Raubfrieden zuzustimmen, der es den deutschen politischen und wirtschaftlichen Eliten ermöglichte, ein riesiges Territorium Russlands, von Pskow bis zur Krim, zu annektieren - zusätzlich zu den polnischen, baltischen, ukrainischen und belorussischen Gouvernements. Der deutsche General Hans von Seeckt bemerkte damals kaltschnäuzig: »Dieser Krieg wird uns eine Million Männer kosten. Was bedeutet es dem gegenüber, 20 Millionen Menschen zu vertreiben, unter ihnen eine Menge Gesindel von Juden, Polen, Masuriern, Litauern, Letten, Esten usw? Wir haben die Macht dazu.« Und er ergänzte: »Auf jeden Fall scheint es mir leichter zu sein, 20 Millionen Russen zu vertreiben, als 7 1/2 Millionen Belgier einzuordnen (d. h. an Deutschland anzugliedern).«

Deutschlands Schuld an Russland reicht also weit zurück in die Vergangenheit, noch vor Hitler und den Verbrechen der Nazis. Auch daran sollte man sich in der Diskussion über die deutsche Politik gegenüber dem heutigen Russland erinnern.

Karl-Heinz Gräfe

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