Kommt das in die Tüte?
Melitta will Arbeitsplätze von Nordrhein-Westfalen nach Polen verlagern
Eigentlich war Melitta Bentz nur der Kaffeesatz lästig. Also werkelte die praktisch veranlagte Hausfrau aus Dresden ein bisschen rum, bis ihr schließlich eine Kombination aus Papier und einem durchlöcherten Messingtopf als probates Mittel erschien, den ungenießbaren Satz von der köstlichen Flüssigkeit zu trennen. Am 20. Juni 1908 wurde diese Erfindung als »Kaffeefilter« beim Kaiserlichen Patentamt zu Berlin eingetragen, und fortan im Haushaltswarengeschäft ihre Mannes Hugo Bentz vertrieben. Das Papier, das dazu benötigt wurde, bezog das Paar aus dem nordrhein-westfälischen Düren.
Nun begab es sich, dass die Nachfrage stieg, in Dresden nicht so recht geeignete Räumlichkeiten für größere Produktionsstätten zu finden waren, und die Stadt auch noch die Gewerbesteuer kräftig anhob. Auf dem Weg ins Rheinländische entdeckte das Paar dann ein leerstehendes Gebäude in Minden. Mit der Stadt wurden sie schnell handelseinig: Sie konnten nicht nur die ehemalige Schokoladenfabrik erwerben, ihnen wurden auch noch für fünf Jahre die Gewerbesteuer erlassen.
1932 übernahmen die Söhne Willy und Horst Bentz die Firmenleitung. Horst Bentz begeisterte sich recht bald für die NSDAP und SS, deren Mitglied er 1933 wurde. 1935 wurde er zum Ratsherrn der Stadt Minden berufen, 1939 Untersturmführer und 1942 Obersturmführer der SS. In den Jahren 1941, 42 und 43 wurde Melitta vom »Amt Schönheit der Arbeit«, dessen Leiter Nazi-Architekt Albert Speer war, als »Nationalsozialistischer Musterbetrieb« ausgezeichnet. Bentz seinerseits dankte es, indem statt Kaffeefilter Rüstungsgüter produziert wurden. Nach dem Krieg konnte Melitta trotzdem alsbald weiter produzieren. Dieser »braune Sud« in der Geschichte des Unternehmens wurde Anfang der 1970er Jahre von Günter Wallraff aufgedeckt.
Zu Melitta gehörten etwa die Saftfabrik Granini, das Unternehmen produziert heute Cilia-Produkte, Swirl und Toppits, außerdem Porzellan. In Minden gibt es eine Melitta-Straße, Melitta-Wohnungen, das Melitta-Bad und den Melitta-Werksverkauf.
Aus dem ehemaligen Nazi-Musterbetrieb ist schon lange ein Schwerpunktbetrieb der Gewerkschaft geworden. Das war bereits in den 1970er so, als noch die Gewerkschaft Druck und Papier (DruPa) zuständig war, und ist laut ver.di-Sekretär Ottmar Bügel bis heute so geblieben.
Von den insgesamt etwa 3800 Beschäftigten arbeiten etwa 700 im Mindener Hauptwerk. Um Kosten zu sparen soll die Produktion der Toppits-Linie bis Ende 2017 komplett nach Polen verlegt werden, in Minden bleiben die Abteilungen Weiterentwicklung und Forschung. 280 Arbeitsplätze in der Region sind insgesamt bedroht, etwa zwei Drittel davon in Minden.
Gewerkschafter Bügel wirft der Konzernleitung vor, bei der geplanten Produktionsverlagerung Gesetze überschritten und den Wirtschaftsausschuss nicht rechtzeitig informiert zu haben. »Melitta ist bei rot über die Ampel gefahren«, stellt der Gewerkschaftssekretär das »nd« gegenüber bildlich dar. Wie genau die Reaktion von ver.di auf die Pläne der Betriebsleitung aussehen werden, ist derzeit noch nicht klar, da die Gewerkschaft erst kürzlich davon Kenntnis erhielt.
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