Mobilisieren: ja, diskutieren: nein
Studie: Protestbewegungen nutzen soziale Netzwerke nicht als Forum für inhaltliche Debatten / Forscherin Kneuer skeptisch: »Potenzial wird wohl auch in Zukunft nicht genutzt«
Berlin. Soziale Medien dienen nach Ansicht der Politikwissenschaftlerin Marianne Kneuer nicht als Forum für inhaltliche Debatten in Protestbewegungen. »Aktivisten nutzen Social-Media-Kanäle, um effektiv und schnell große Menschenmassen zu mobilisieren. Das funktioniert erfolgreich sowohl für virtuelle Proteste als auch für Aktionen auf der Straße«, sagte die Hildesheimer Politik-Professorin dem Evangelischen Pressedienst.
In einer neuen Studie hat sie die Online-Kommunikation in den sozialen Netzwerken Facebook und Twitter in mehreren Protestbewegungen untersucht. Viele dieser Bewegungen starteten mittlerweile im Internet, erläuterte Kneuer. Prominente Beispiele seien die Proteste gegen das geplante Freihandelsabkommen TTIP, der Arabische Frühling oder die Occupy-Proteste im Zuge der Finanzkrise in mehreren Ländern. Es liege oft an Zufällen, ob und wann die Online-Aktionen auch im realen Leben sichtbar würden, beispielsweise in Form von Straßenblockaden. »Dann befeuern sich Online- und Offline-Proteste gegenseitig.«
Demokratische Hoffnungen auf internationale Diskurse, an denen viele Menschen auf einfache Weise teilnehmen können, hätten sich weitestgehend nicht erfüllt, erläuterte Kneuer. »Obwohl das Internet ein grenzüberschreitendes Forum der Vernetzung und Konnektivität bietet, ist kein internationaler Kommunikationsraum entstanden.« Die Nutzer von sozialen Medien diskutierten nur sehr wenig auf den Plattformen. »Und wenn sie doch einmal Postings kommentieren, dann geht es ganz überwiegend um nationale Themen oder zumindest um nationale Aspekte eines Themas.«
Auch online bilde sich schnell eine Hierarchie in einer Bewegung heraus, sagte Kneuer. »Zwar kann jeder Nutzer etwas posten, aber einige wenige dominieren. Sie posten besonders viel und prägen die Entwicklung der Gruppe. Sie sind die inhaltlichen Impulsgeber.« Verstärkend wirke, dass Journalisten diese Meinungsführer häufig durch Interviews und Berichte auch in den klassischen Medien prominent machten.
Obwohl soziale Netzwerke noch ein relativ junges Medium seien, sei nicht zu erwarten, dass sich ihre Funktion für Protestbewegungen in den kommenden Jahren verändern werde. »Das Potenzial für demokratische Debatten wird wohl auch in Zukunft nicht genutzt«, prognostizierte Kneuer. Der Trend gehe stattdessen dahin, soziale Medien auch bei politischen Themen für eine immer schnellere und anspruchslosere Kommunikation zu benutzen. epd/nd
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.