Hallenfußball gegen die Mafia
Ein Frauen-Futsalklub aus Kalabrien wird bedroht, die Hintergründe sind mysteriös
»No Violenza« (keine Gewalt) schrieben sich vor einem Jahr die Spielerinnen von Sporting Locri auf die Hände. Bei einem Fotoshooting standen sie Modell - mit ins Gesicht geschminkten Verletzungen. Die Frauen, die Futsal spielen, eine aus Südamerika stammende Form des Hallen- oder Kleinfeldfußballs, hatten Gewalt gegen Frauen anprangern wollen. Inzwischen hat die Gewalt die Sportlerinnen selbst eingeholt.
Seit Dezember gab es mehrere Bedrohungen gegen den Verein, verbunden mit der Aufforderung, sich aus dem Spielbetrieb der ersten Futsalliga zurückzuziehen. Anfangs ignorierte Präsident Ferdinando Armeni dies. Doch kurz vor Weihnachten fand er in seinem Auto auf dem Platz, auf dem gewöhnlich seine dreijährige Tochter sitzt, einen Zettel mit der Aufschrift: »Vielleicht hast du noch nicht verstanden, dass du Sporting Locri zumachen musst, wenn du keine Schäden erleiden willst. Wir wissen, wer sonst auf diesem Platz sitzt.« Armeni zog die Reißleine und kündigte den Rücktritt an.
Das führte zu Solidarisierungen im ganzen Lande. Verbandspräsident Carlo Tavecchio sprach von einer »Schande« und appellierte an Armeni, er solle nicht nicht nachgeben. Tavecchio versprach finanzielle Unterstützung und einen Gastauftritt des Futsal-Nationalteams in Locri. Doch Armeni hatte genug: Zum Jahresende trat er zurück und machte den Weg frei für neue Besitzer. »Am 8. Januar gibt es eine Mitgliederversammlung. Dort wird über das weitere Schicksal entschieden. Die Frauen wollen jedenfalls spielen«, sagte eine Vereinssprecherin dem »nd«.
Stark engagiert sich Bürgermeister Giovanni Calabrese. »Die Stadtverwaltung möchte ein Signal aussenden, dass der Spielbetrieb weitergehen kann. Als Garant der Transparenz wollen wir den Übergang in dieser kritischen Phase begleiten und neuen Teilhabern die Übernahme ermöglichen«, sagte er. »Zugleich möchten wir Licht in die gesamte Angelegenheit bringen« Die ist in der Tat recht mysteriös: Ex-Präsident Armeni schloss die kalabresische Mafia ’Ndrangheta als Verursacher aus. »Hier gibt es doch keine wirtschaftlichen Interessen. Die Spielerinnen bekommen lediglich die Spesen ersetzt. Da ist nichts zu holen«, meinte er. Die Dynamik der Bedrohungen folgt allerdings einem sattsam bekannten Mafiamuster. »Ganz klar handelt es sich um mafiose Methoden. Es geht hier nicht nur um eine Mannschaft, die Sport treiben will, sondern um eine Gruppe von Personen, denen das Recht auf Selbstbestimmung und Freiheit genommen wird«, meinte Adriana Musella, Sprecherin der lokalen Antimafia-Organisation Riferimenti.
Interesse am lokalen Fußball hat die ’Ndrangheta durchaus. Zum einen als Apparat zur Geldwäsche: Der Ex-Präsident des Männervereins Locri Calcio etwa wurde im Rahmen der Ermittlung »Shark« in den ersten beiden Instanzen zu mehrjährigen Haftstrafen wegen Mafiaaktivitäten verurteilt und erst kürzlich in dritter Instanz freigesprochen.
Zudem sind mehr als 30 Vereine der dritten und vierten Liga, darunter auch einige aus Kalabrien Teil eines Wettbetrugsskandals. Im Rahmen der Ermittlung »Dirty Soccer« erzählte Mafia-Aussteiger Pietro Mesiani Mazzacuva: »Viele Fußballklubs in den unteren Ligen sind in der Hand der ’Ndrangheta. Sie sind geradezu das Abbild der lokalen Bosse.« Und Luigi Bonaventura, ein anderer ’Ndrangheta-Aussteiger, ergänzte: »Der Fußball ist ein wichtiges Geschäft für die Mafiafamilien. Er sorgt zudem für Respekt und Wertschätzung bei der Bevölkerung.«
Gut möglich, dass die Futsalfrauen mit Antigewalt-Engagement, die auch noch in der Spitze der Liga mitspielen, dem Männerklub in Sachen Respekt und Wertschätzung Konkurrenz machen. Einem Männerklub, dessen Geschichte reich an Episoden ist wie etwa einer Trauerminute für einen zuvor in einer Mafiafehde umgekommenen Boss oder dem Mord an einem Mittelstürmer, der als Zeuge in einem Antimafiaprozess aussagen sollte.
Die gute Nachricht ist, dass Sporting Locri - wie auch immer die Mitgliederversammlung am 8. Januar ausgehen wird - am 10. Januar zum nächsten Heimspiel antreten wird.
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