Mit dem Brexit kommt der Rassismus
Rat der Muslime registriert Anstieg von fremdenfeindlichen Vorfällen / Mehr Anzeigen zu Hassverbrechen als zuvor / UN besorgt über zunehmende Übergriffe
Das Video, was bei Twitter zirkuliert, ist bedrückend. Eine volle Straßenbahn in Manchester, normaler Berufsverkehr. Zwei Jugendliche, vielleicht 16 Jahre, beginnen plötzlich einen Briten migrantischer Herkunft anzuschreien. »Geh zurück nach Afrika«, rufen sie dem Mann aggressiv entgegen. Der gemeinte reagiert schockiert, die meisten anderen Fahrgäste versuchen den Vorfall zu ignorieren. Erst als einer der Jugendlichen anfängt, das Opfer mit Bier zu überschütten, regt sich vorsichtig Unmut. Die beiden Jungs verlassen grölend die Bahn.
Dieser rassistische Vorfall ist kein Einzelfall. Unter den Hashtags #PostRefRacism oder #PostBrexitRacism sammeln sich auf dem Kurznachrichtendienst Twitter Dutzende Beispiele menschenverachtender Fälle, die sich seitdem Brexit-Referendum ereignet haben. Die »Huffington Post« hat eine erste Übersicht von dokumentierten Vorfällen erstellt. Auch Miqdaad Versi vom Rat der Muslime in Großbritannien hat in den vergangenen Tagen mehr als 100 Berichte über Fremdenfeindlichkeit zusammengetragen. »Vorher waren die Täter meist Kämpfer an der Computertastatur, die ihren fremdenfeindlichen Kampf online ausgefochten haben. Jetzt tauchen immer mehr Berichte über physische und verbale Zusammenstöße im echten Leben auf«, schreibt er im »Guardian«. In 30 der 100 Berichten sind Muslime die Leidtragenden. Amnesty International zeigte sich in einer Mitteilung bestürzt. »Wir verurteilen Rassismus in all seinen Formen«, heißt es auf Twitter.
Es trifft aber nicht nur Menschen, die keine weiße Hautfarbe haben. Es trifft vor allem auch Polen und damit EU-Einwanderer, die das Brexit-Lager im Wahlkampf unter anderem als »Sozialschmarotzer« verteufelt hat. In der Grafschaft Cambridgeshire ermittelt die Polizei, weil Karten mit der Aufschrift »Raus aus der EU - kein polnisches Ungeziefer mehr« aufgetaucht sind. Der polnische Botschafter in London hat sich bereits eingeschaltet.
Die Polizei bestätigt, was die Berichte nahelegen. Seit dem Referendum vom vergangenen Donnerstag seien auf einer Internetseite für die Anzeige von Hasskriminalität 57 Prozent mehr Vorfälle gemeldet worden als noch vor vier Wochen. Das ist keine nationale Statistik - aber sie alarmiert dennoch. Londons Bürgermeister Sadiq Khan hat Scotland Yard aufgerufen, besonders wachsam zu sein.
Britische Politiker übertreffen sich nun darin, von der Hasswelle Abstand zu nehmen. Dies wirkt jedoch nicht überzeugend, haben viele doch selbst während des Referendums und auch davor nicht an migrantionsfeindlicher Rhetorik gespart. »Wir werden solche Angriffe nicht dulden«, sagte Premierminister David Cameron, der Einwanderung in seinen Äußerungen fast immer als Problem beschreibt. Vor »Migrantenschwärmen« hatte er zuvor in der öffentlichen Debatte gewarnt. »Diese Taten einer engstirnigen Minderheit werden nicht toleriert werden«, sagte wiederum Camerons möglicher Nachfolger, Boris Johnson, der vor dem Referendum als einer der Lautesten die »Kontrolle über unsere Grenzen« gefordert hatte.
Freiheit von der »Fremdbestimmung« aus Brüssel, als Nationalstaat wieder an Stärke in der Welt gewinnen, die Einwanderung begrenzen - das dürfte in Großbritannien zahlreiche Wähler dazu bewegt haben, ihr Kreuzchen bei »Leave the EU« zu setzen. Bedeutend mehr als die knapp vier Millionen Menschen, die vergangenes Jahr bei den Parlamentswahlen für die rechtspopulistische Ukip gestimmt haben. Die nationalistische Rhetorik von Cameron bis nach Rechtsaußen, aber auch unter einigen Linken, hat zum Erfolg des rassistischen Narratives beigetragen. Laut der Studie »British Social Attitudes« glaubte aber auch schon zuvor die Hälfte der Bevölkerung, dass Migration eine negative Auswirkung auf die britische Wirtschaft habe. Neu ist Rassismus auf der Insel nicht. Die Brexit-Kampagne hat ihn nur verstärkt, sichtbar und in bürgerlichen Kreisen salonfähig gemacht.
Für antifaschistische und antirassistische Gruppen in Großbritannien bedeutet dies viel Arbeit in den kommenden Wochen und Monaten. Erst am vergangenen Freitag wurde zuletzt in London gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf die Straße gegangen. Es wird nicht die letzte Demonstration gewesen sein.
Und mittlerweile zeigen sich sogar die Vereinten Nationen besorgt: Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte hat Großbritannien aufgefordert, gegen fremdenfeindliche Übergriffe nach dem Brexit-Referendum vorzugehen. »Ich bin zutiefst besorgt über Berichte, wonach in den letzten Tagen Angehörige von Minderheiten und ausländische Bürger angegriffen und beleidigt wurden«, erklärte Said Raad A-Hussein am Dienstag in Genf. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit dürften unter keinen Umständen einfach hingenommen werden. Die britischen Behörden müssten die Täter zur Verantwortung ziehen. seb/dpa
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