Gefangen vor dem Fernseher
Alexander Isele leidet unter der Spielweise der Portugiesen
Robert Lewandowski war nach dem Ausscheiden im Elfmeterschießen gegen Portugal geschockt: »Wir haben gegen ein Team verloren, das vielleicht mehr Ballbesitz hatte, aber nicht mehr Chancen. Das ist sehr enttäuschend«, trauerte der Pole, und fügte an: »Davon müssen wir uns jetzt erholen.«
Auch ich muss mich von diesem Spiel erholen. Portugals Ballbesitzfußball, der nur darauf ausgerichtet ist, den Ball vom eigenen Tor fernzuhalten, aber nicht darauf, ihn ins gegnerische zu befördern, ist schwere Kost. Eigentlich mag ich körperbetonte Spiele, und kann mich über eine gelungene Grätsche mehr freuen als über Passstafetten. Das mag daran liegen, dass ich selbst spielerisch limitiert bin, dies aber mit Kampf und Willen wettmache. Aber wie die Portugiesen nach jedem Ballverlust erst einmal ein Foul begehen, um sich in Ruhe zu ordnen, möchte ich nicht sehen.
Ihre Nichtangriffsbemühungen sind schwer zu ertragen. Dabei haben sie mit Ronaldo doch einen der besten Stürmer der Welt. Von einem solchen Angreifer erhoffe ich mir mehr: Tore zum Beispiel. Oder zumindest den Versuch, ein Spiel zu gewinnen. Die Portugiesen stehen nun im Halbfinale, dabei haben sie keines ihrer fünf Spiele nach den regulären 90 Minuten gewonnen. Mehr noch, sie lagen nicht ein Mal in Führung. Das atemberaubende 3:3 im letzten Gruppenspiel war nur ein Betriebsunfall - der Ungarn, wohl gemerkt. Die Portugiesen hätten sich auch mit einer Nullnummer zufrieden gegeben.
Die heimischen Zeitungen wissen die Leistung einzuordnen. Der »Correio da Manha« zeigt sich zwar euphorisiert über den Halbfinaleinzug, aber: »Das ist auch der Moment, um zu sagen, dass spielerisch wenig zusammenläuft. Wenn man damit jedoch das Finale erreicht, wen interessiert dann das Spielerische?« Und der »Expresso« schreibt: »Gefangen im Unentschieden - bis zum Sieg.«
Ich fühle mich derweil vor dem Fernseher gefangen, denn mich interessiert es, wie eine Mannschaft ins Finale kommt. Und Wegschauen kann ich nicht, der eine Moment herausragender Fußballkunst könnte ja passieren. Aber Spaß macht es nicht, nur darauf zu warten.
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