Auf den Spuren des Klimawandels

Nadelwurf, Jahresringe, Feuchtigkeit, Schadstoffe - Sachsens Wald wird auf acht Spezialflächen ständig beobachtet

  • Katrin Mädler, Sachsengrund
  • Lesedauer: 3 Min.

Ausfallen darf Günther Böhme nicht. Regelmäßig fährt er von seinem Haus in Sachsengrund im sächsischen Vogtlandkreis in ein nahe gelegenes Waldstück. Bei Schnee wird der Weg extra von einem Schneepflug geräumt. »Bei den gemessenen Daten darf es keine Lücke geben«, sagt der 67-Jährige.

Eigentlich ist der Forstwirt im Ruhestand. Seit vier Jahren kümmert er sich dennoch um die südwestlichste und älteste Beobachtungsfläche in Sachsen, die oberhalb von Sachsengrund liegt und auf der der Waldzustand seit 1993 kontinuierlich untersucht wird. Sie nennt sich nach dem ehemaligen Forstbezirk »Klingenthal«. Insgesamt gibt es im Freistaat acht solcher Stationen, in ganz Europa sind es rund 300. Die eingezäunte Fläche mit Fichtenbestand umfasst 22 Hektar, auf ihr stehen unterschiedlich große Behälter für Niederschläge und Nadelstreu. »In diesen setzen sich auch die Schadstoffe ab«, so Böhme. Proben des Wassers schickt er nach Graupa (Landkreis Sächsische Schweiz- Osterzgebirge). Im dortigen Kompetenzzentrum für Wald und Forstwirtschaft des Staatsbetriebes Sachsenforst wird es auf Belastungen untersucht.

In Graupa laufen alle sächsischen Messdaten zusammen. Auch Böhmes Tabellen kommen hier an, in denen er die monatlich abgeworfene Nadeln und die Bodenfeuchte registriert - und sein entnommenes Erdbodenwasser. »In der Erde befinden sich Schläuche. Schlecht, wenn eine Maus daran nagt«, erklärt Böhme. Auf der Fläche steht zusätzlich eine funkgesteuerte Wetterstation, die Messwerte nach Graupa sendet. Dort erklärt der zuständige Referatsleiter Henning Andreae: »Die Auswirkungen des Klimawandels sind nachweisbar.« Der Temperaturanstieg der letzten 20 Jahre liege bei einem Grad Celsius. Die Probleme würden sich verändern: In den 1990er Jahren habe der »Böhmische Nebel« mit seiner Schadstoffluft aus Tschechien die südsächsischen Wälder krank gemacht. »Inzwischen wirken strengere Umweltvorschriften.« Nun sorgt sich Andreae eher wegen der Belastung durch Stickstoff, hervorgerufen etwa durch Abgase. »Trotz aller Bemühungen - alle Stationen melden, dass mehr vorhanden ist, als die Waldökosysteme langfristig vertragen.«

Noch würden die Pflanzen das mit Wachstumsschüben kompensieren. »Wir sehen die größeren Jahresringe bei den Fichten. Aber die Qualität des Holzes lässt nach, was auch den Instrumentenbauern im Musikwinkel nicht gefällt«, so Andreae. Einige Fichten auf der Beobachtungsfläche »Klingenthal« tragen Messbänder um den Stamm - - ihr Wachstum wird in großen Tabellen festgehalten. Andreae befürchtet: Wenn die Stickstoffbelastung zunimmt, schlägt das Ökosystem um und der Wald beginnt zu versauern.

Von den sächsischen Dauerbeobachtungsflächen verlaufen fünf mit Fichtenbestand entlang des Erzgebirgskamms. In Laußnitz (Bautzen) wird die Kiefer untersucht, in Colditz (Leipzig) die Eiche und im Nationalpark Sächsische Schweiz die Buche. dpa/nd

Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.

Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.

Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.

Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!

Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:


→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.

Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.