Auch in Deutschland investierte Katar seine Milliarden
Staatsfonds des Emirats ist drittgrößter Aktionär bei VW und hält Anteile an weiteren deutschen Konzernen
Seit vielen Jahren investiert Katar seine Milliarden aus der Erdgas- und Erdölförderung in internationale Unternehmen. Der Staatsfonds Qatar Investment Authority besitzt über seine Qatar Holding (QH) Anteile an einigen der größten Konzerne der Welt. Der Fonds wurde 2005 gegründet, um »die Wirtschaft des Landes durch Diversifizierung zu stärken«. Katar will unabhängiger vom Erdgas werden. Die Holding verfügt mittlerweile über Anteile an der Schweizer Großbank Credit Suisse, dem französischen Medienkonzern Lagarde und an Glencore, dem weltweit größten Rohstoffhändler. Auch knapp zehn Prozent der Londoner Börse zählen zum umfangreichen Portfolio der Araber.
Der Staatsfonds hat natürlich auch Beteiligungen an deutschen Konzernen erstanden. So bestätigte ein Sprecher der Volkswagen AG am Dienstag auf nd-Anfrage, dass QH als »drittgrößter Eigner 17 Prozent der Stimmrechte« hält. Wie sich eventuelle Sanktionen auf diese Beteiligungen auswirken, konnte oder wollte der Sprecher nicht abschätzen: »Wir beobachten die aktuelle Entwicklung und hoffen auf eine schnelle Lösung des Konflikts.« Im Aufsichtsrat von VW sitzen gleich zwei Mitglieder aus dem Emirat: Katars Informationsminister Hessa Sultan Al-Jaber und QH-Vizechef Hussein Ali Al-Abdulla haben exklusiven Zugang zu Informationen aus Deutschlands größtem Unternehmen.
Auch die Deutsche Bank hat Verbindungen ins Emirat. Allerdings stieg hier nicht der Staatsfonds ein, sondern sein ehemaliger Chef. Im Rahmen einer Kapitalerhöhung 2014 steckte die Paramount Service Holding ein paar Milliarden Euro ins angeschlagene Bankhaus aus Frankfurt. Die Investmentgesellschaft mit Sitz im Steuersparparadies Jungferninseln gehört Scheich Hamad Bin Jassim Bin Jabor Al-Thani, der als ehemaliger Premierminister auch Mitglied der königlichen Familie ist und Qatar Holdings lange leitete. Seine Investmentgesellschaft besitzt 3,05 Prozent der Deutschen Bank.
Auch am Technologiekonzern Siemens sind die Investoren aus Katar beteiligt. Diese Beteiligung schmälert sicher nicht die Chancen der Münchener, bei Ausschreibungen vor Ort zum Zug zu kommen. So erhielt Siemens Anfang Mai den Zuschlag für einem Großauftrag in Katar: Für 790 Millionen Euro soll bzw. darf Siemens dort 35 Umspannstationen errichten.
Im angeschlagenen Logistikkonzern Hapag-Lloyd steckt ebenfalls Geld aus Katar. Auch hier eröffneten die Investoren neue Möglichkeiten. So dürfen die Hamburger nun die Arab Shipping Company (UASC) aus Katar übernehmen, die zwar über eine moderne Flotte, aber auch einen hohen Schuldenberg verfügt. Ob Hapag-Lloyd irgendwann noch einmal schwarze Zahlen schreibt, bleibt abzuwarten.
Ganz sicher ist hingegen, dass die Millionen, die die Qatar Foundation in ihren knapp 30-prozentigen Anteil am deutschen Hersteller Solarworld investierte, wohl größtenteils verloren sind. Das Bonner Unternehmen steht mittlerweile kurz vor der Insolvenz. Doch die Verluste für das Emirat sind überschaubar.
Dass das Geschäft mit den Deutschen durchaus lukrativ sein kann, zeigte sich im Herbst 2015. Da veräußerte der Golfstaat seinen zehnprozentigen Anteil am Baukonzern Hochtief. »Mit dem Geschäft hat Katar brutto gut eine halbe Milliarde Euro eingenommen«, schätzte das »Manager-Magazin« damals.
Katar ist auch auf dem deutschen Immobilienmarkt aktiv. So erwarb eine Tochtergesellschaft des Staatsfonds im Jahre 2013 das »Grand Hyatt« am Potsdamer Platz in Berlin.
Die Turbulenzen am Golf werden sich also auch in Deutschland bemerkbar machen. Ein Sprecher des Bundeswirtschaftsministeriums betonte am Dienstag gegenüber »nd«, dass man über »Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft« derzeit nicht spekulieren könne.
Die deutsche Wirtschaft gibt sich gelassen: Beim Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) schätzt man die wirtschaftliche Relevanz der Ereignisse für Deutschland zumindest kurzfristig als »sehr überschaubar« ein. In der Rangfolge der Handelspartner Deutschlands lag Katar laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr bei den Exporten mit 2,52 Milliarden Euro an 52. Stelle, bei den Importen sogar nur auf Platz 79.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.