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Japan, Südkorea und China: Durch Trump vereint
Die aggressive Zollpolitik der USA sorgt für eine Annäherung zwischen Japan, Südkorea und China
Für Optimismus sorgte das Ergebnis der jüngsten Gespräche in Seoul: »Das erste Wirtschafts- und Handelsministertreffen zwischen Japan, China und Südkorea seit etwa fünfeinhalb Jahren hat stattgefunden«, erklärt diese Woche eine Nachrichtensprecherin des japanischen Senders TV Tokyo in auffallend erleichtertem Ton. »Und die drei Länder einigten sich darauf, die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zu beschleunigen.«
Das, was dieser Tage in der südkoreanischen Hauptstadt besprochen worden ist, könnte in einigen Jahren als historisch gelten: Ostasiens Integration dank der USA. »Da die Trump-Regierung in den USA zum Protektionismus neigt, wurde auf der Konferenz eine gemeinsame Erklärung veröffentlicht«, ordnet TV Tokyo ein. Konkret: Die Beschleunigung festgefahrener Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen sowie die Forderung eines freien und offenen Handelssystems mit der Welthandelsorganisation als Kern.
Für die USA deutet sich insofern eine unbeabsichtigte Konsequenz der eigenen Politik an. Seit Wochen hat US-Präsident Trump allen Ländern mit hohen Zöllen auf ausländische Produkte bei der Einfuhr in die USA gedroht. Die in vielen Bereichen kaum wettbewerbsfähige US-Wirtschaft will Trump so stärken. Trump hat dazu behauptet: »Viele Länder haben uns ausgenutzt, auf Weisen, wie viele von uns es gar nicht für möglich gehalten hätten, über viele, viele Jahrzehnte. Und das muss aufhören.«
Nun wird ein globaler Handelskrieg befürchtet. Banken warnen schon vor einer »weltweiten Rezession.« Denn Trump drängt Unternehmen aus aller Welt mit Zöllen dazu, nicht mehr in die USA zu exportieren, sondern dort zu produzieren und Jobs für US-Amerikaner zu schaffen. Nur sorgt dies überall auf der Welt für ökonomische Schäden. In den USA steigen Preise für die Verbraucherinnen.
Anderswo reagiert man mit Gegenzöllen. Als Folge dürften das globale Handelsvolumen und daher auch Investition ins Stocken geraten. Eine weitere wahrscheinliche Folge für die USA: Die Wichtigkeit der weltweit größten Volkswirtschaft dürfte abnehmen. Die trilateralen Gespräche in Seoul zeigen dies. In der gemeinsamen Erklärung heißt es denn auch, man wolle die Lieferketten stärken und die Zusammenarbeit in der digitalen und grünen Wirtschaft vorantreiben.
Was dieser Tage in Seoul besprochen worden ist, könnte in einigen Jahren als historisch gelten: Ostasiens Integration dank der USA.
Japans Wirtschafts-, Handels- und Industrieminister Yoji Muto betonte zu Beginn des Treffens: »Das internationale Umfeld wird zunehmend instabil. Es ist äußerst wichtig, die regelbasierte Weltwirtschaft zu stärken.« Bei bilateralen Treffen zwischen Japan und China sowie Japan und Südkorea, die ebenfalls stattfanden, tauschten sich die beiden Seiten Berichten zufolge über die aktuelle Erhöhung der US-Zölle aus.
Frühere US-Regierungen haben sich bemüht, eine allzu enge Verbindung zwischen Japan und Südkorea auf der einen Seite und China auf der anderen zu verhindern. Japan und Südkorea sind Demokratien und strategische Partner der USA. China ist ein Ein-Parteienstaat mit schweren Menschenrechtsverletzungen. Vor allem fordert das wachsende China die regionale Dominanz Japans und die globale Macht der USA heraus.
Trumps Politik könnte die drei Staaten zusammenbringen. China, Japan und Südkorea haben allesamt einen Handelsüberschuss gegenüber den USA, exportieren also mehr als sie importieren. Dementsprechend treffen Trumps Zölle diese Länder besonders hart. Doch durch ein Freihandelsabkommen könnte sich der Handel zwischen den drei Staaten erhöhen, was die Einbußen abfedern könnte.
Koichi Nakano, Politikprofessor an der Sophia Universität in Tokio, hält eine Integration insofern für einen klugen Schritt – schon wegen der kurzen Distanzen: »Man muss mit China reden. Japan muss seine Ambitionen anpassen, seinen Einfluss. Es muss die Realität akzeptieren. Und China ist auch schon länger bereit, das zu tun.«
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So werde oft vergessen, dass schon die erste Trump-Regierung ab 2017 Japan und China näher zusammenbrachte, und dies, obwohl in Japan der Nationalist Shinzo Abe regierte, der in China nicht vor allem einen Handelspartner sah, sondern einen Rivalen. »Am Ende kam die Corona-Pandemie dazwischen und die Annäherung stockte wieder«, so Nakano. »Aber Chinas Präsident Xi sollte als Staatsgast nach Tokio eingeladen werden. Hintergrund war schon damals Trumps Handelskrieg. Und das wird sich wiederholen.«
Südkoreas Wirtschaftsminister Ahn Duk-geun verspricht, die drei Staaten – die auch wegen Japans Rolle als einstiger Kolonialmacht zerstritten sind – würden nach vorne schauen. Beim nächsten trilateralen Treffen in Japan soll es um konkrete Schritte bei der Aufhebung von Handelsbarrieren gehen.
Wobei der nächste Rückschritt in Ostasien nie weit ist. China hat schon angemahnt, man dürfe Japans Kolonialgeschichte nicht vergessen. Parallel patrouillierten diese Tage chinesische Schiffe rund um die unabhängig regierte Insel Taiwan, die China als Teil des eigenen Territoriums betrachtet. Würde es zu einem Angriff Chinas auf Taiwan kommen, wie Chinas es oft angedroht hat, stünden Japan und Südkorea dann wohl doch auf der Seite Taiwans – und der USA.
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