»Bedarfslücken wie Scheunentore«

Studie zeigt Ärztemangel in Bezirken / Stadträte planen kommunales Versorgungszentrum

  • Jana Klein
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Gesundheitsstadträte von Lichtenberg und Neukölln haben am Montag die von ihren Bezirken in Auftrag gegebene Studie zur ambulanten ärztlichen Versorgung vorgestellt. Der Neuköllner Stadtrat Falko Liecke (CDU) sagte, die Studie belege, was man in den Bezirken durch den Draht zu den Bürgern längst gewusst habe: Eine teils drastische Unterversorgung, die den Behauptungen der für das gesamte Land Berlin zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) widerspreche. Diese hatte noch vergangenen Monat gemeldet, die Ärzte erfüllten ihren Sicherstellungsauftrag trotz um 35 Prozent gestiegener Fallzahlen bei gleichbleibender Anzahl Kassensitze.

Die Bezirksämter, das Sana-Klinikum Lichtenberg und das Evangelische Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge hatten die Studie in Auftrag gegeben. Sie erhebt die aktuelle Lage von Bedarf und Versorgung, prognostiziert den künftigen Bedarf und zeigt entsprechende Lücken auf.

Die Lichtenberger Stadträtin Katrin Framke (parteilos, für die LINKE) sagte, die Bedarfszahlen, mit denen die KV plant, stammten teilweise aus den 90er Jahren und deckten weder die aktuelle Bevölkerungsentwicklung noch die technologische Entwicklung in der Medizin ab. Auch berücksichtige die Vereinigung nicht, dass es in bestimmten Bezirken gleichzeitig besonders viele junge und alte Patienten gebe.

Die Studienautoren kritisieren außerdem die Zusammenlegung der Bezirke zu einer einzigen Planungsregion Berlin im Jahr 2003. Ärzte siedeln sich in bestimmten Bezirken lieber an als in anderen. Was auf dem Papier aussehe wie die Deckung des medizinischen Bedarfs, zeige sich in der Praxis oft als Mangel. Zudem gab es zwar seit der vergangenen Legislatur eine Vorgabe, dass Ärzte nur in »arme« Bezirke übersiedeln dürfen, doch auch diese Maßnahme konnte die Unterversorgung nicht beheben.

Das belegt die Stadträtin an einem Beispiel aus Lichtenberg: Von 2013 bis 2016 habe sich die Anzahl der Kinderärzte um 18 Prozent verringert, während aber immer mehr Kinder im Bezirk lebten - 47 Prozent mehr als 2005, pflichtet ihr Stefan Lüder bei, selber Kinder- und Jugendarzt. Deshalb möchte der Bezirk mit am Tisch bei der KV sitzen, wenn die Versorgung geplant wird. Sie wollen darüber verhandeln, wie viele Ärzte tatsächlich in den Bezirken benötigt werden, und entsprechende Vereinbarungen schließen.

»Die Lage ist in Neukölln wirklich dramatisch«, sagt ihr Amtskollege Liecke. Mehr Menschen als prognostiziert wohnten in dem Bezirk, »aber die Ärztedichte steigt nicht«. Er schätzt, dass 90 Prozent der Fälle in den Rettungsstellen eigentlich in die Arztpraxen gehören - und nicht in eine Notaufnahme. Trotzdem kämen die Leute angesichts der ambulanten Wartezeiten lieber ins Krankenhaus, was Liecke ihnen nicht übel nehmen will. Für die Bedarfsplanung der KV findet er hingegen deutliche Worte: »Aus meiner Sicht ist das ein Verhalten, das nicht akzeptabel ist.«

Die Bezirke wollen jedoch nicht länger auf die Kassenärztliche Vereinigung warten und die medizinische Versorgung in die eigenen Hände nehmen - zumindest, wenn es nach den beiden Gesundheitsstadträten geht. In einem kommunal verwalteten Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ), das sie als Alternative ins Spiel bringen, könnten Ärzte angestellt werden und müssten das Risiko einer Selbstständigkeit nicht tragen. Darüber hinaus könnten die Kommunen so endlich Einfluss nehmen auf die Versorgungslage. In welcher Rechtsform und unter welchen Beteiligungen die Zentren realisiert werden könnten, darüber beraten die Bezirke noch. Nichtsdestotrotz demonstrieren die Gesundheitsstadträte Entschlossenheit: »Wir als Bezirk haben eigentlich überhaupt keine Alternative - wir sind ja gewählt worden, um was zu tun«, sagt Liecke.

Die KV antwortete bis Redaktionsschluss nicht auf eine entsprechende Anfrage des »nd«.

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