Streitbare Linguistik

Lena Tietgen über die Bedeutung der Sprachwissenschaft im digitalen Zeitalter

  • Lesedauer: 2 Min.

Ist die Linguistik angesichts der auf Mathematik beruhenden digitalen Kommunikation überhaupt noch notwendig? Das ist eine sehr provokante Frage, die aber angesichts der zunehmenden Formalisierung der Sprache auch in den Medien (man denke nur an von »Sprachrobotern« verfasste Texte) ihre Berechtigung hat.

Ursprung der digitalen Kommunikation sind die Computersprachen, die rein auf Mathematik bauen, dabei reales Leben in einen formalen Zustand überführen, um diesen dann auf einem Bildschirm sichtbar zu machen. Die Linguistik wird dadurch aber nicht überflüssig. Das Gesagte oder Geschriebene hatte immer eine Bedeutung. So hat die Aussage, es gehe uns gut, die derzeitige Politik sei alternativlos, Kritik und Opposition deshalb überflüssig, nicht nur eine semantische Bedeutung, es ist auch eine Ansage, ja ein Befehl, Stillschweigen zu wahren. Im Kern geht es dabei immer um Einfluss und Macht innerhalb der Gesellschaft. Darauf machte zum Beispiel der US-amerikanische Linguist Noam Chomsky immer wieder zu Recht aufmerksam.

Chomsky Thesen sind im digitalen Zeitalter aktueller denn je, auch wenn die Kommunikation in den sozialen Medien den Eindruck erweckt, das Gesagte bzw. das Geschriebene sei bedeutungslos, weil es in einer Flut von Tweets und Posts untergehe. Kein Algorithmus, keine mathematische Formalisierung kann verhindern, dass menschliche Kommunikation weiterhin im Kontext des Sozialen und im Widerspruch entsteht. Die Linguistik kann helfen, die Mechanismen der digitalen Kommunikation verstehen zu lernen.

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