- Politik
- Bezahlbare Mobilität
Schwarzfahrer aus Überzeugung
Manfred Bartl kämpft mittels Schwarzfahren für bezahlbare Mobilität
»Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht!« Diese Parole geht vielen Demorednern leicht über die Lippen. Doch wenige handeln konsequent nach dieser Maxime und nehmen Unannehmlichkeiten in Kauf. Zu dieser Gruppe gehört Manfred Bartl, der seit Jahren für ein Grundrecht auf Mobilität unabhängig vom Geldbeutel kämpft. Am Donnerstag verhängte das Amtsgericht Mainz über den bekennenden Schwarzfahrer wegen Erschleichung einer Dienstleistung in drei Fällen eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 15 Euro. Doch das Geld brav zu überweisen, kommt für den arbeitslosen Chemiker aus Mainz nicht in Frage. Der 47-Jährige legte Rechtsmittel ein.
Seit fast neun Jahren ist das Mitglied im ver.di-Bezirksvorstand und in der LINKEN bekennender Schwarzfahrer. Bartl sieht sich als Vorkämpfer für alle, die sich die hohen Tarife der lokalen und regionalen Busse und Bahnen nicht leisten können. Seit 2007 ist er Hartz-IV-Bezieher. Er kaufte ein Sozialticket der Mainzer Verkehrsbetriebe, stellte aber rasch fest, dass der Regelsatz längst nicht ausreicht: Das örtliche Sozialticket kostet knapp 60 Euro, während Hartz IV für ÖPNV-Mobilität 26,44 Euro bereithält. Weil die Verkehrsbetriebe auf seine Anfrage nach einem Sozialticket zu diesem Preis nicht antworteten, reist er seit Januar 2009 in Bus und Bahn mit einem selbst gebastelten »Schwarzfahrerausweis«. Motto: »Schwarzfahren für Gerechtigkeit«.
Dass er damit auch eine Haftstrafe riskiert, weiß der nicht gerade wie ein Rebell wirkende Aktivist. »Wenn Kontrolleure mir unterstellen, ich sei ein Schmarotzer, vergessen sie eines: Verlieren sie morgen ihren Job, landen sie zwölf Monate später selbst in Hartz IV.«
Alle Mahnverfahren verliefen im Sande, weil Bartl als Hartz-IV-Empfänger nicht zahlungsfähig ist. Gegen eine drohende Haftstrafe in Wiesbaden ging er 2013 in Berufung. Am Ende leistete er hochmotiviert gemeinnützige Arbeit bei der »Linken Hilfe Mainz«. Dass jetzt ein Bündnis aus Sozialverbänden und Gewerkschaften ein einheitliches Sozialticket für den ÖPNV in Rheinland-Pfalz fordert, ist für ihn eine Genugtuung.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.