Bloß kein Mitleid
Christoph Ruf über Unwürdiges im Fußball und das wahre Übel beim Hamburger SV
Es war eines dieser Rituale, die den Fußball so berechenbar machen. Ein Spiel, in diesem Fall das der Hamburger gegen Köln, wird im Vorfeld medial zum »Endspiel« ausgerufen. Es geht verloren, woraufhin Spieler und Funktionäre der unterlegenen Mannschaft ausschließlich Fragen zur Zukunft des Trainers gestellt bekommen. Samstagabends wird noch herumgestammelt, doch der Mimik aller Beteiligten merkt man schon an, was am Sonntag verkündet wird: Er wird entlassen.
Keine Frage - dieses Ritual ist ebenso unwürdig wie es langweilig ist. Und es ist nicht eben verwunderlich, dass der geneigte Betrachter Mitleid mit dem geschassten Coach entwickelt. Das ist allerdings unnötig. Zum einen, weil ein Bundesligatrainer, der entlassen wird, dann noch mehr Geld an Abfindung bekommt als ein Normalsterblicher in seinem ganzen Leben verdient. Und zum anderen, weil der Geschasste in aller Regel wenige Wochen später schon wieder auf dem Trainerkarussell sitzt, von dem ein anderer Kollege heruntergepurzelt ist.
Im Falle von Markus Gisdol ist der Trainerwechsel allerdings nachvollziehbar. Unter seiner Ägide gewannen die Hamburger von den letzten 17 Spielen ganze zwei, das allein deutet massiv auf die Zweite Liga hin. Doch das Spiel gegen Köln legte mal wieder all das offen, was den HSV zur derzeit schwächsten Mannschaft der Liga macht - und was man Gisdol ankreiden muss. Gegen den FC, das einzige Team, das in der Tabelle noch hinter dem HSV steht, konnte man den Hamburgern fehlendes Engagement nicht vorwerfen, wohl aber etwas, das noch gravierender ist: dass außer dem Willen nichts Positives da war. Rennen und lange Bälle schlagen können sie, auch die Anzahl der Foulspiele dürfte einen Bundesligarekord darstellen. Doch immer dann, wenn der Ball nicht nur im Spiel, sondern auch noch im Besitz eines Hamburgers ist, wird es grausam. Keine Idee, keine Inspiration, nur alle Schaltjahre hat man bei dieser Hamburger Mannschaft den Eindruck, dass hinter dem, was anderswo eine Offensivaktion ist, Plan und nicht Zufall steht.
Markus Gisdol mag ein guter Motivator sein, doch schon in Hoffenheim, seiner vorherigen Trainerstation, beschränkten sich die Angriffe zu 95 Prozent auf lang und weit nach vorne geschlagene Bälle. Diejenigen Hoffenheimer Spieler, die vor dem jetzigen Coach Julian Nagelsmann auch schon Gisdol mitbekommen hatten, berichten mit beseeltem Lächeln, wie mit viel Fantasie und Eifer unter dem Jüngeren am kreativen Spiel getüftelt wird. Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass sich in Hoffenheim ein Zuschauer findet, der den Zeiten nachtrauert, als das Publikum mit Gisdols Fußball unterhalten werden sollte. Gisdol hat bisher schlicht und einfach noch nie angedeutet, dass er eine Mannschaft nicht nur über wenige Wochen pushen, sondern ihr Potenzial dauerhaft entwickeln kann. Er war beim HSV also der falsche Trainer am falschen Platz.
-
/ Frank Hellmann, KölnNeuer Zuschauer-Rekord in der Frauen-BundesligaKölns Fußballerinnen können im Abstiegskampf auf großen Fan-Rückhalt vertrauen
-
/ Andreas Morbach, KölnUnion genießt Vorsprung durch KonstanzKölns Fußballer erkämpfen ein 2:2 gegen die Berliner und werden dennoch ausgepfiffen
-
/ Alexander LudewigSchnelle Siege, kein ErfolgAlexander Ludewig über Grund und Ursache des ersten Trainerwechsels in dieser Bundesligasaison
Das noch größere Problem liegt im Sturm, wo es André Hahn und Bobby Wood in zusammen 31 Spielen auf drei Treffer gebracht haben. Beide haben den gleichen Spielerberater, der wiederum auch dicke ist mit dem Mann, der hinter den Kulissen beim Hamburger SV viel öfter die Fäden zu ziehen scheint als das bei einem seriös geführten Verein möglich wäre. Klaus-Michael Kühne hat sich für die (sündhaft teure) Beschäftigung der beiden Stürmer stark gemacht, der Verein hat das umgesetzt. Vielleicht gar nicht mal so sehr aus Überzeugung als aus dem Wissen heraus, dass der HSV so lange Misswirtschaft betrieben hat, dass er heute jedes Lied singen muss, das jemand anstimmt, der ihm noch ein paar Millionen pumpt. Das ist das eigentliche Problem eines Vereins, der nichts mehr verdient hätte als den Abstieg.
Das »nd« bleibt. Dank Ihnen.
Die nd.Genossenschaft gehört unseren Leser*innen und Autor*innen. Mit der Genossenschaft garantieren wir die Unabhängigkeit unserer Redaktion und versuchen, allen unsere Texte zugänglich zu machen – auch wenn sie kein Geld haben, unsere Arbeit mitzufinanzieren.
Wir haben aus Überzeugung keine harte Paywall auf der Website. Das heißt aber auch, dass wir alle, die einen Beitrag leisten können, immer wieder darum bitten müssen, unseren Journalismus von links mitzufinanzieren. Das kostet Nerven, und zwar nicht nur unseren Leser*innen, auch unseren Autor*innen wird das ab und zu zu viel.
Dennoch: Nur zusammen können wir linke Standpunkte verteidigen!
Mit Ihrer Unterstützung können wir weiterhin:
→ Unabhängige und kritische Berichterstattung bieten.
→ Themen abdecken, die anderswo übersehen werden.
→ Eine Plattform für vielfältige und marginalisierte Stimmen schaffen.
→ Gegen Falschinformationen und Hassrede anschreiben.
→ Gesellschaftliche Debatten von links begleiten und vertiefen.
Seien Sie ein Teil der solidarischen Finanzierung und unterstützen Sie das »nd« mit einem Beitrag Ihrer Wahl. Gemeinsam können wir eine Medienlandschaft schaffen, die unabhängig, kritisch und zugänglich für alle ist.