Fleischabfälle für den Osten

Multinationale Konzerne beliefern osteuropäische EU-Mitglieder häufig mit schlechterer Qualität

  • Elke Windisch, Dubrovnik
  • Lesedauer: 3 Min.

Was hätte er wohl gern als Mitbringsel vom Skiurlaub in Südtirol? Renato, Besitzer eines Fitnessstudios im kroatischen Dubrovnik, hätte gern Bitterschokolade. »Die ganz dunkle.« Bitterschokolade? Die gibt es doch auch hier? Sogar die Marke, die Renato will. Der ist sich da so sicher nicht. »Wo 85 Prozent Kakao draufstehen, müssen hier bei uns nicht 85 Prozent Kakao drin sein«, sagt er und grinst.

In der Tat hatten ungarische Verbraucherschützer kürzlich Alarm geschlagen. Ob bei Lebensmitteln oder Waschpulver, Hygieneartikeln oder Kosmetik - multinationale Konzerne würden ein und denselben Artikel in zwei Qualitäten produzieren: einer besseren für das alte Europa, und einer schlechteren für die Neumitglieder im Osten.

Die Regierungschefs von Polen, der Slowakei, Tschechien und Ungarn schrieben daher im März 2017 einen geharnischten Brief nach Brüssel: »Diskriminierung und doppelte Standards« gehörten abgeschafft. Zwar soll das Endergebnis von Untersuchungen, die die Eurokraten im Mai in Auftrag gaben, erst Ende 2018 vorliegen. Doch schon jetzt ist klar, dass die drei Millionen Euro, die der europäische Steuerzahler dafür berappen muss, gut angelegt sind.

Von den insgesamt 26 Produkten, die bisher in Kroatien getestet wurden, schnitten 22 deutlich schlechter ab als etwa in Deutschland. So stießen die Prüfer in Würstchen der Marke Wudy, die laut Packung aus Hühnerfleisch hergestellt werden, auf Abfälle, die beim maschinellen Entbeinen anfallen und in der EU nicht als Fleisch deklariert werden dürfen. Negativ fielen auch das Vollwaschmittel Ariel auf, Babynahrung von Hipp oder der Brotaufstrich Nutella. Dort wurde Vollmilch zum Teil durch Surrogat ersetzt. Und gleich bei mehreren Schokoladen- und Kekssorten war der Kakaoanteil deutlich reduziert.

Die Unterschiede in Konsistenz und Farbe seien zuweilen so gravierend, dass selbst Laien sie mit bloßem Auge erkennen könnten, sagt Biljana Borsan. Die 47-jährige Kroatin sitzt mit Mandat der oppositionellen Sozialdemokraten im Europaparlament und ist als dessen Berichterstatterin für den Binnenmarkt die Speerspitze im Kampf gegen die Panscher. Eine von ihr im Januar auf den Weg gebrachte schwarze Liste überführter Sünder zeigte schon Wirkung.

So gelobten Limonadenhersteller wie Pepsi, der Babykostproduzent Hipp oder der Nutella-Hersteller Ferrero, Osteuropa künftig mit gleicher Qualität zu beglücken wie etwa Deutschland. Auch Bahlsen will seine Butterkekse für den Balkan nun mit guter Butter backen. Jenen, die versuchten, sich damit herauszureden, dass man es auf dem Balkan halt süßer möge, weshalb der Kakaoanteil zugunsten von Zucker reduziert wurde, droht Borsan mit Verfahren wegen sittenwidriger Handelspraxis. Der Entwurf für eine europäische Verordnung mit Sanktionen trägt ebenfalls ihre Handschrift.

Ein gesetzliches Verbot doppelter Standards, glaubt Borsan, würde auch Menschen in den Nicht-EU-Staaten auf dem Westbalkan helfen. Es würde nicht nur die Multis, deren Produkte Serben oder Bosnier kaufen, sondern auch einheimische Hersteller zu höherer Qualität zwingen.

Die promovierte Arbeits- und Sportmedizinerin Borsan ist für den diesjährigen Preis des Europaparlaments - eine Art »EU-Oscar« - nominiert und hat in Brüssel inzwischen weitere 800 000 Euro für neue Tests locker gemacht. »Mein Job«, sagt sie, »ist es, dafür zu sorgen, dass die EU für die Menschen arbeitet«. Widerstand ist allerdings programmiert. Sogar zu Hause: Kroatien fürchtet die mächtige Agrarlobby und will keine neuen Tests.

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