Gleichberechtigung ist Trump ein Dorn im Auge

US-Regierung fordert von französischen Unternehmen, Diversitätsprogramme aufzugeben

  • Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.
Für Arbeitsministerin Astrid Panosyan-Bouvet sind Vielfalt und Inklusion nicht verhandelbar.
Für Arbeitsministerin Astrid Panosyan-Bouvet sind Vielfalt und Inklusion nicht verhandelbar.

Zahlreiche französische Großunternehmen, vor allem aus den Bereichen Rüstung, High-Tech und Infrastruktur, haben in den vergangenen Tagen Post von der US-Botschaft in Paris bekommen. Sie werden aufgefordert, Auskunft über ihre firmeninternen Programme für mehr Chancengleichheit zu geben und diese umgehend einzustellen, wenn sie mit Unternehmen in den Vereinigten Staaten oder mit dortigen Behörden Geschäfte machen wollen. Nach Angaben der Wirtschaftszeitung »Les Echos«, die den Vorgang enthüllte, heißt es in dem Schreiben: »Wir informieren Sie, dass das Dekret 14 173 zur Beendigung der illegalen Diskriminierung und zur Wiederherstellung auf Leistungen beruhender beruflicher Möglichkeiten, das von Präsident Trump unterzeichnet wurde, auch für alle Lieferanten und Dienstleister der US-Regierung verpflichtend gilt.«

Mit dem Brief schickte die US-Botschaft auch einen Fragebogen an französische Unternehmen, den diese innerhalb von fünf Tagen detailliert auszufüllen und zurückzusenden haben. Darin sollen sie versichern, keine DEI-Programme zu verfolgen oder diese umgehend einzustellen. Das Kürzel steht für Diversity, Equity and Inclusion (Vielfalt, Gleichheit und Inklusion). Vor allem in Frankreich haben sich viele Unternehmen eine firmeninterne Charta gegeben, die über die gesetzlichen Verbote jeder Form von Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der Rasse oder ethnischen Herkunft, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Ausrichtung hinausgehen. Seit der Französischen Revolution von 1789 sowie der 1905 vollzogenen Trennung von Kirche und Staat ist jede Unterscheidung strikt verboten. Trotz Diskriminierung im Alltag gab es in Frankreich daher lange auch keine Maßnahmen zur Förderung von bestimmten gesellschaftlichen Gruppen wie etwa in den USA.

Die Regierung in Paris reagierte mit Empörung auf das Ansinnen, dass Unternehmen auf den Trump-Kurs einschwenken sollen: »Die Einmischung der USA in die Inklusionspolitik französischer Unternehmen wie auch die Drohung ungerechtfertigter Zölle sind inakzeptabel«, heißt es in einer offiziellen Erklärung des Außenhandelsministeriums. »Frankreich und Europa werden ihre Unternehmen, ihre Verbraucher und auch ihre Werte verteidigen.« Man werde das in Washington deutlich machen, verlautete aus dem Finanzministerium: »Diese Praxis spiegelt die Werte der neuen US-Regierung wider. Sie sind nicht dieselben wie unsere.«

Arbeitsministerin Astrid Panosyan-Bouvet erklärte, dass »Vielfalt und Inklusion keine Slogans sind, sondern Werte, die die Franzosen miteinander teilen«. Sie seien die Grundlage vieler gemeinsamer Erfolge und Grund, stolz darauf zu sein. »Das ist nicht verhandelbar, und das lassen wir uns nicht nehmen«, betonte die Ministerin.

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Ähnliche Reaktionen kamen aus Spanien, wo es ebenfalls eine versuchte Einflussnahme zum Stopp der Diversitätsprogramme von Unternehmen gibt: Dies sei »ein eklatanter Verstoß gegen die in unserem Land geltende Gesetzgebung«, teilte das Arbeitsministerium in Madrid auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. In einer Stellungnahme wird darauf hingewiesen, dass spanische Unternehmen die Verordnungen zur Gleichstellung und zum Schutz der Diversität strikt einhalten müssen. Man werde keinem Unternehmen eine Umgehung des geltenden Rechtsrahmens gestatten, um Geschäfte in und mit den USA zu betreiben.

Die betroffenen französischen Unternehmen wollen vorläufig ebenfalls nicht auf das US-Ultimatum reagieren und warten eine entsprechende Entscheidung der Regierung in Paris ab, wie es heißt. Rechtlich wären sie damit auf der sicheren Seite, denn der Anti-Diversitäts-Kurs von Trump führt zwangsläufig zu Diskriminierung, die nach französischem Recht streng verboten ist. Gesetzlich ist unter anderem vorgeschrieben, dass Unternehmen mit mehr als 250 Mitarbeitern mindestens 40 Prozent Frauen in ihrer Führung haben müssen; bei mehr als 1000 Mitarbeitern sollen es mindestens 30 Prozent sein.

Doch nicht alles lässt sich mit Zahlen ausdrücken. Arbeitsökonomen zufolge zeigen bisherige Erfahrungen, dass DEI-Programme das Mitarbeiterengagement fördern können. Das sei dann der Fall, wenn die Beschäftigten überzeugt seien, dass ihre Arbeit nach gleichen Maßstäben beurteilt wird und dass sie vergleichbare Karrieremöglichkeiten haben. Gleichzeitig entstünden innovative Ideen besonders dann, wenn Mitarbeiter mit unterschiedlichen Hintergründen, Denkweisen und Lebenserfahrungen eng und gleichberechtigt zusammenarbeiten.

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