Inzwischen ein halber Mann

Eine deutsche Tierärztin behandelt die Falken der Scheichs

  • Benno Schwinghammer, Abu Dhabi
  • Lesedauer: 4 Min.

Wer in der Golfregion ins Flugzeug steigt, kann neben sich schon einmal einen Raubvogel sitzen sehen. Denn den Arabern sind ihre Falken so heilig, dass die Haustiere sogar eigene Plätze in der Kabine besetzen. Finanzielles spielt eine untergeordnete Rolle - auch für die Gesundheit der Tiere fließt viel Geld. Mit Margit Müller leitet eine Deutsche das nach eigenen Angaben größte Falken-Hospital der Welt - es steht in Abu-Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Selbst für das Königshaus ist die Frau mit Wurzeln in Weißenhorn bei Neu-Ulm deshalb eine Ansprechpartnerin, die man Tag und Nacht anrufen kann.

Die Greifvögel seien so wichtig, dass die Männer mit ihnen in die staatliche Klinik kämen, während ihre Frauen die Kinder allein zum Arzt begleiteten, erzählt die gebürtige Bayerin in ihrem Büro vor den Toren Abu Dhabis. Die Falken hätten weit mehr Privilegien als der Hund in Deutschland: Nicht nur im Flugzeug sitzen sie neben ihren Besitzern, auch im Schlafzimmer.

»Wir haben ganz viele Falkner, die auch Küsschen für ihren Falken geben und die Falken geben Küsschen für den Falkner, also das ist durchaus auch drin«, erzählt die Tierärztin, die seit 2001 - nach einem überraschenden Anruf aus dem Nahen Osten - nur noch zu besonderen Anlässen nach Deutschland kommt.

Die Liebe der Araber zu den Greifvögeln mit scharfen Schnäbeln und einer Spannweite von oft über einem Meter reicht weit zurück in eine Zeit, in der in den ölreichen Golfstaaten noch keine Wolkenkratzer im Himmel glitzerten. Vor 60 Jahren war die heutige Millionenstadt Abu Dhabi ein Dorf, in der Wüste lebten Beduinen ohne Strom oder fließendes Wasser.

Die Falken setzten sie zur Jagd ein und sicherten damit das Überleben der Familie. »Aus diesem Grund wird der Falke auch bis heute nicht als Sportgerät angesehen, sondern ist integraler Teil der Familie«, sagt Müller. Die Falknerei sei für die Menschen in der Region eine der ganz wenigen Möglichkeiten, um »zurückzukehren zu ihren Wurzeln. Zurückzukehren zu ihrer eigenen Identität.«

Jedes Jahr behandeln drei Tierärzte und viele Assistenten in der Klinik mehr als 11 000 Falken aus der ganzen Golfregion. Die eingelieferten Raubvögel litten unter Flügelbrüchen, hätten aber auch Infektionskrankheiten oder müssten nur die Klauen gestutzt bekommen, erzählt Müller. Es seien zwar kräftige, aber eben auch sensible Tiere. Um zu verhindern, dass sie sich schrill schreiend gegenseitig angreifen, bekommen sie im Behandlungsraum Augenklappen aufgesetzt. Ist ihr wichtigstes Sinnesorgan dann ausgeschaltet, können die Raubtiere auch zu Dutzenden friedlich nebeneinander auf Stangen sitzen.

An normalen Tagen drängen sich Falken im Wert von einigen Millionen Euro in dem Krankenhaus. Besonders prächtig sind natürlich die Vögel des Königshauses. Wenn einer von ihnen krank ist, erkundige sich der der Palast jeden Tag nach dem Zustand. Dabei gebe es preislich große Unterschiede bei den Tieren, erklärt eine Anästhesistin: »Das ist ganz abhängig von Größe und Art. Es fängt bei 5000 Dirham an, kann aber bis zu 500 000 hochgehen«. Das sind mehr als 110 000 Euro.

Schon daran lässt sich ablesen, dass Falken am Golf eben nicht nur Haustiere, sondern auch Statussymbole sind. In der Eingangshalle der Klinik hängt ein Bild, das Margit Müller mit Kronprinz Mohammed bin Zajed zeigt. Er überreicht der Deutschen darauf den »Abu Dhabi Award«, den höchsten zivilen Preis des Emirats. »Das war, glaub ich, der beste Moment in meinem Leben«, erinnert sie sich.

Müller ist in der von Männern dominierten Gesellschaft am Golf mittlerweile eine feste Größe. Als sie 2001 nach Abu Dhabi kam, sei eine Frau in ihrer Position noch ein Novum gewesen, sagt sie. Doch mittlerweile, erzählt Müller, sähen die Emiratis in ihr nur noch die Expertin. Nicht mehr die Frau, die auch Ahnung von Tiermedizin hat. »Inzwischen haben sie mich zum halben Mann erhoben, also ich zähle hier nicht mehr als Frau im eigentlichen Sinne.« Das sei als Kompliment zu verstehen, meint sie. dpa/nd

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