Die Saison der kleinen Dellen

Berlins Volleyballer stehen nach dem Sieg gegen Lüneburg im Halbfinale um die Meisterschaft. Trotz Schwächen wollen die Titelverteidiger mehr

An Berg- und Talfahrten in dieser Volleyballsaison hat sich der deutsche Meister BR Volleys längst gewöhnt. Das Wort »Krise« aber hatte man lieber vermieden, um die ohnehin schon schwierige Situation nicht noch weiter anzuheizen. Dafür schraubte Berlins Manager Kaweh Niroomand zuletzt die Erwartungen ein Stück zurück: »Wir müssen nicht jedes Jahr Meister werden. Eine kleine Delle halten wir schon mal aus.« Doch ein verpasster Halbfinaleinzug um die deutsche Meisterschaft wäre nach fünf Titeln in den vergangenen sechs Jahren mehr als eine »kleine Delle« gewesen.

Nicht von ungefähr bewegte der Meistermacher zuletzt sehr viel. So beendete er über Nacht das Trainerexperiment mit dem glücklosen 31-jährigen Australier Luke Reynolds und engagierte vor gut zehn Wochen Deutschlands Volleyball-Trainerguru Stelian Moculescu, der mit Berlins Erzrivalen VfB Friedrichshafen zwischen 1997 und 2016 in Meisterschaft, Pokal und Champions League 27 Titel gewonnen hatte. Vor dem entscheidenden dritten Viertelfinalspiel gegen die VSG Lüneburg beschloss Niroomand zudem noch eine weitere außergewöhnliche Maßnahme: Die Mannschaft zog zum viertägigen Trainingslager ins olympische Trainingszentrum von Kienbaum in Brandenburg. Denn nach dem 3:0-Hinspielsieg und der 1:3-Pleite im Rückspiel drohte dem Titelverteidiger das Aus.

Was nach außen als »Kennenlernen« deklariert wurde, war im Kern ein intensives Feilen an den eigenen Schwächen. »Wir haben ganz, ganz hart an der Ballannahme gearbeitet«, bekannte Cheftrainer Moculescu. Dass beim Grillabend am See das Team unter ihm weiter zusammenrücken würde, war eine Hoffnung obendrein.

Der Aufwand hat sich am Ende mit dem 3:0 im Entscheidungsspiel vor heimischer Kulisse ausgezahlt. »Der Geist von Kienbaum ist erwacht«, konstatierte Manager Niroomand erfreut. Tatsächlich hatten die Berliner auf dem Weg zum zweiten Sieg in der »Best of three«-Serie ein gehöriges Stück Arbeit leisten müssen, bevor sie schließlich zum 13. Mal in Folge ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft einzogen.

Dass es aber erneut Schwächen in der Annahme und im Spielaufbau gab, wird Stelian Moculescu aufmerksam registriert haben. Phasenweise gerieten die Volleys dabei in ein unerklärliches Tief. Zunächst erspielten sie sich im ersten Satz eine klare 23:13-Führung, bevor sie diese fast komplett wieder abgaben: Lüneburg wehrte gleich sieben Satzbälle in Serie ab, und das Spiel drohte beim 24:23 für den Meister zu kippen. Doch Berlin verwandelte den achten Satzball. Im dritten Durchgang schwächelten die Volleys früh und mussten einen 7:11-Rückstand aufholen. So waren sie am Ende heilfroh über den 25:22-Satzgewinn. »Wir waren nicht abgezockt genug, um den Gegner zu packen«, beklagte dagegen Lüneburgs Trainer Stefan Hübner die ausgelassenen Chancen.

»Man hat heute gesehen, was der Heimvorteil für uns ausmacht«, sagte Berlins bester Punktesammler Paul Carrol. »Dieses Pfand werden wir auch im Halbfinale nicht aus der Hand geben.« Gegner werden dort die United Volleys Rhein-Main sein, die Herrsching mit 2:1 Siegen ausschalteten und am Sonnabend zu Spiel eins nach Berlin kommen.

Die Frankfurter um Berlins Ex-Trainer Michael Warm sind als Vorrundendritter stärker als Lüneburg. »Unser Anspruch sollte es trotzdem sein, ins Endspiel zu kommen«, sagt Moculescu. »Frankfurt hat in dieser Saison ähnlich gespielt wie wir: mal gut, mal schlecht. Wir werden das Match also Satz für Satz angehen und am Ende die wichtigen Punkte machen. So selbstbewusst bin ich schon.«

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