Verzeih Daraa, aber die Welt liegt im Tiefschlaf

Khalid Alaboud über die eskalierte Gewalt im Süden Syriens und den deutschen »Asylstreit«

  • Khalid Alaboud
  • Lesedauer: 3 Min.

Wochenlang ging es in den deutschen Medien nur um den »Asylstreit« und welche Maßnahmen zur Abschottung gegen neue Flüchtlinge unternommen werden müssen, um die Koalition von Union und SPD zu retten. Bundeskanzlerin Angela Merkel reiste in diesem Zusammenhang kürzlich nach Jordanien. Es ging darum, Vereinbarungen darüber zu treffen, dass nicht mehr Menschen von dort nach Europa fliehen. Dabei liegt das Problem ganz woanders - und Frau Merkel kann nicht sagen, dass sie das nicht wüsste.

Hätte Merkel bei ihrem Besuch in Jordanien Halt in der Stadt Ramtha gemacht, die direkt auf die syrische Stadt Daraa blickt, hätte sie die Explosionen gehört. Explosionen, denen die Stadt durch die barbarischen Bombardements der russischen Luftwaffe und der syrischen Regimekräfte - die von schiitischen Milizen aus Iran, Libanon und Irak unterstützt werden - in den vergangenen Wochen ausgesetzt war. Wäre sie dann weiter nach Osten gefahren, hätte sie die tausenden Flüchtlinge gesehen, die wegen der Luftangriffe aus ihren Häusern fliehen mussten, um dann vor der von Jordanien blockierten Grenze zu stranden.

In Daraa, der Stadt, in der die syrische Revolution einst begann, gibt es nun extrem starke Angriffe, die viele Opfer fordern und offensichtlich darauf abzielen, die Menschen aus dieser Region Syriens zu vertreiben - und die Welt schweigt. Es schweigen nicht nur die Araber oder der Westen, auch viele Syrer schauen weg. Sie sind der Ansicht, dass Daraa Schuld hat an dem, was in Syrien in den letzten acht Jahren passiert ist.

Das Regime in Damaskus und seine russischen Verbündeten stellen die Offensive als Krieg gegen den Terror dar. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass viele der Luftschläge Gebiete treffen, die von Zivilisten bewohnt werden. Menschen in Daraa berichten, dass Krankenhäuser und andere öffentliche Einrichtungen, in denen sich Zivilisten aufhielten, getroffen wurden. Währenddessen siedeln sich internationale Terrororganisationen an der Westgrenze der Provinz auf dem besetzten Golan und an der Ostgrenze der Provinz Suwayda an, ohne dass sie auch nur von einer Granate getroffen oder von einem russischen Flugzeug gestört würden.

In Daraa wurde der Beweis erbracht, dass alle Abkommen und Vereinbarungen zur Befriedung, Deeskalation und zum Waffenstillstand nicht das Papier Wert sind, auf dem sie geschrieben wurden, lebt die Stadt doch schon seit mehr als zwei Wochen unter willkürlichem Beschuss – und das Tag und Nacht. Zudem wird eine humanitäre Katastrophe erwartet, wurden doch die Grenzen vor den Augen der aus der Stadt geflohenen Menschen geschlossen. Daher leben nun nach UN-Angaben Zehntausende in der Wildnis, ohne Nahrung, ohne sauberes Wasser, ohne Medikamente. Laut Vereinten Nationen sind 270.000 Menschen an den geschlossenen Grenzen zu Jordanien und zu Israel zusammengekommen und dort zum Warten verdammt.

Jeden Tag kommuniziere ich mit meiner Familie, meinen Freunden und vielen Aktivisten, die vor Ort sind. Sie beschreiben die Situation als katastrophal, weigern sich jedoch trotzdem ihre Häuser und ihr Land, wo sie schon seit mehreren Hundert Jahren leben, zu verlassen. Täglich schaue ich auf Facebook, bete vorher, dass keiner aus meiner Familie den Märtyrertod erlitten hat, keiner meiner Bekannten oder Freunde verletzt wurde. Jede Familie in Syrien, jedes Märtyrerkind ist ein fehlender Teil der Zukunft. Jede vetriebene Familie ist ein Fluch, der alle Politiker verfolgen wird, die es nicht geschafft haben, den Verbrecher davon abzuhalten, seine Verbrechen gegen das Volk zu begehen. Ein Volk, dessen Forderungen sich auf Freiheit und ein Leben in Würde konzentrierten.

Der Artikel ist im Original auf Arabisch und zuerst auf dem Onlineportal von Amal, Berlin! erschienen. Übersetzt wurde er in Kooperation mit dem von der Initiative Gesicht Zeigen! getragenen Projekt Media Residents von Karin al Minawi.

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